Weit genug entfernt vom Eingang

Vor dem Französischen Dom an einem Samstagnachmittag gegen 17 Uhr. Hier ist der Weltgeist besonders konsequent: Wer auf dem Weihnachtsmarkt Geld ausgeben will, muss erst einmal Geld ausgeben – der Eintritt ist kostenpflichtig. An allen vier Ecken des Platzes haben sich vor den Kassenhäuschen Schlangen gebildet, die, ungleich Adventskerzen, immer länger werden. Die Fenster in den Plastikplanen gewähren einen Blick ins Innere, auf Holzpyramiden, Duftöle und Tontassen mit Vornamen darauf. Den Wartenden auf der anderen Seite der Plane steht etwas ins Gesicht geschrieben, man kann es bloß so schwer entziffern. Haben Sie Angst, dass die Tontassen mit ihrem Vornamen schon ausverkauft sein könnten, wenn sie endlich soweit vorgedrungen sind? Oder vielmehr vor dem Schnapspanscher, der dieser Tage sein Unwesen treibt? Würden sie gern frieren und sind nun enttäuscht, dass es dafür noch nicht kalt genug ist? Haben sie sich das alles irgendwie anders vorgestellt? »Scheiß Berlin«, faucht da ein Mann, der offenbar nicht von hier ist. Er steht nicht mehr ganz am Ende der Schlange, aber immer noch weit genug entfernt vom Eingang, um diese Stadt zu verfluchen. Neben ihm verzieht seine Frau ihren Mund zu einem resignativen Strich. Wenn das die schönste Zeit des Jahres sein soll, was ist dann erst die hässlichste? »Scheiß Berlin«, faucht der Mann noch einmal, dann fragt er, den Kopf leicht zu seiner Frau gedreht, ohne sie anzuschauen: »Oder?« Was und ob die Frau antwortet, bleibt allerdings unklar. Denn in diesem Moment brüllt ein Ordner, verkleidet als Berliner Gendarm der vorletzten Jahrhundertwende, eine Anweisung. Man solle doch bitte eine gerade Schlange bilden. Es könne doch nicht so schwer sein.

Wenn du mich nicht wenigstens liebst

An einem Mittwochabend gegen halb zwölf unweit des Mariannenplatzes in Kreuzberg. Es ist bereits so kalt, dass der Atem kondensiert, der Atem der Schweigenden und der Atem der Sprechenden. »Nein, ich höre dir nicht mehr zu!«, ruft eine Frau von Mitte Vierzig in ihr Telefon. »Jetzt hörst du mir mal zu!« Sie wankt vor einer Kneipe hin und her, die Schminke ist verlaufen, die Frisur ein verlassenes Vogelnest. Um den Kummer zu ertränken, hat sie ihren Körper offenbar mit Schnaps und Bier geflutet. Doch jetzt kriecht er wieder an die Gestade dieses Mittwochabends. Es ist kalt, und man sieht ihren Atem, als sie jetzt schreit: »Ich hasse dich, du Wichser! Ich hasse dich!« Längst presst sie das Telefon nicht mehr ans Ohr, sie hält ihn vor sich hin. Sie sendet nur noch und empfängt nichts mehr. Ob der Mann am anderen Ende all das noch hört, ist zutiefst ungewiss. Er kann aufgelegt haben, schon vor Minuten, in der warmen Stube, wo man seinen Atem nicht sieht, weit entfernt vom Mariannenplatz. Daran denkt die Frau nicht, oder es ist ihr gleichgültig, sie spricht einfach weiter, das Telefon ist ihr Diktiergerät. „Ich will nicht mehr mit dir zusammen sein“, sagt sie schließlich, deutlich leiser, »wenn du mich nicht wenigstens liebst.« Dann lässt sie das Telefon sinken und lehnt sich, als wollte sie es übertreiben, gegen die Wand eines längst abgerissenen Hauses.

Ohne Martinshorn, aber mit Blaulicht

Eine Häuserschlucht am Mehringplatz, nachts um halb drei. Unten auf der Straße, zwischen Supermarkt und Wettbüro liefern sich zwei Männer ein Wortgefecht. Es geht um verletzte Ehre, Lügen, eine Frau und, wenn man das richtig verstanden hat, eine nicht rechtzeitig zurückgegebene CD. Nun will der eine Mann den anderen umbringen, der andere den einen ebenso. »Ich stech dich ab!« – »Ich mach dich kalt!« – »Ruhe da unten!«, ruft ein Anwohner vom Balkon herunter. Es könne doch nicht wahr sein, er müsse in zwei Stunden zur Schicht und sowieso: Ob sie sich nicht bitte zu Hause umbringen könnten. Es hilft nichts. Die Polizei muss kommen. Um endlich Ruhe zu stiften, rast sie mit ohrenbetäubendem Tatütata die Friedrichstraße hinauf. Die Rivalen stieben davon, der eine durch den Theodor-Wolff-Park, der andere in Richtung Hallesches Tor. Die Polizisten stehen eine Weile herum und besprechen sich, dann suchen sie den Tatort mit Taschenlampen ab. Als sie wieder davon fahren, die Friedrichstraße hinunter, ohne Martinshorn, aber mit Blaulicht, hört man aus der Höhe die kehligen Rufe von Graugänsen, die über Kreuzberg ziehen. Zunächst auch in Richtung Hallesches Tor, dann aber weiter. Nach Süden. Fort von hier.

Obwohl von dort nichts kommen kann

Eine Kreuzung in Friedrichshain, die Karl-Marx-Allee trifft auf die Straße der Pariser Kommune, dass es nur so kracht. Seit Jahren wird hier irgendwas gebaut oder abgerissen, wer weiß es schon, seit Jahren stehen hier nur provisorische Ampeln in bulgarischer Schaltung: Mal gehen sie, meistens gehen sie nicht. Kann ein Vater hier seinem Sohn beibringen, wie man sich im Straßenverkehr richtig orientiert? Einer versucht es wenigstens, guckt links, dann rechts, obwohl von dort nichts kommen kann, dann noch mal links, und das Kind schwenkt den Kopf mit, als wäre er an den des Vaters gebunden. Ein LKW aus MOL donnert vorbei, ein Taxi, ein Fahrrad mit einer Frau vorn und einem Hund hinten drauf. Da! Endlich eine Lücke, der Vater zerrt den Sohn auf die Insel in der Mitte. Auch dort ist die Ampel kaputt, blind schaut sie auf das Bemühen der Menschen, halbwegs gesund nach Hause zu gelangen. Jetzt rechts, dann links, obwohl von dort nichts kommen kann, dann noch mal rechts. Doch jetzt schaut das Kind nur noch auf den Asphalt vor sich. »Papa«, sagt es. »Überall, wo ich hin gucke, ist Berlin.«

Er lächelt wie ein Verlierer

Neukölln. Ein Bettler steht am Hermannplatz, abends um halb acht, vorm Kaufhaus. Er steht da ziemlich krumm, wie eine Tanne, die der Wind geformt hat, eine Krüppeltanne. Offenbar ist etwas mit seinem Fuß, eine Entzündung an der Sohle vielleicht, eine Verwachsung, ein Sporn. Der Bettler aber lächelt. Er lächelt wie ein Verlierer und merkt es nicht mehr. Als nun ein Passant vorübergeht, hastig, er muss wohl noch etwas fürs Wochenende besorgen, hebt der Bettler sich aus seiner Haltung. Er beginnt zu wanken, dann tanzt er auf dem Schmerz in seinem Fuß. Schließlich gerät er ins Schaukeln. Er schaukelt nun wie ein antikes Spielzeug, wie ein Stehaufmännchen, und lächelt dabei. Es ist ein Rhythmus, der kein Rhythmus ist, wenn er jetzt fällt und sich fängt und wieder fällt, dem Passanten entgegen. »Haben Sie ein bisschen Kleingeld über?« Der Passant erschrickt, wie gekitzelt, wie gezwickt schert er zur Seite aus, er hüpft beinah vom Geh- hinüber auf den Fahrradweg. Der Bettler klappert mit seinem Kaffeebecher, in dem sich zwei, höchstens drei Münzen befinden. Sind in seiner alten, stinkenden Jacke noch ein paar mehr? Hört der Passant ihn noch? Schüttelt er wenigstens den Kopf? »Schönes Wochenende!«, ruft ihm der Bettler hinterher. Auch der Passant lächelt jetzt wie ein Verlierer. Lächelnd geht er ins Kaufhaus. Nie zuvor ist er einem solch sympathischen Bettler begegnet.

Hier vorne, im Flachen

Sonntag Nachmittag am Müggelsee. Es ist vielleicht der letzte warme Tag des Jahres. Kinder baden, Eltern lesen, ein paar welke Blätter rascheln über die Liegewiese, doch noch ist der Herbst nicht mehr als ein Gerücht. Da radelt, im Slalom um die Handtücher, ein Mann über den Rasen. Er trägt eine Daunenjacke. »Mensch, Eberhard!«, begrüßt ihn ein Badegast, der sich gerade die Wampe eincremt. »Willste ooch 'n bisschen planschen?« Eberhard bremst qietschend ab und schüttelt vehement den Kopf: »Nee! Ick darf nich' aleene schwimm’.« – »Doooch!«, sagt der Cremende, »hier vorne! Im Flachen!« Eberhard insistiert: »Nee! Wenn die dit zu Hause mitkriejen, is der Teufel los.« Er lebt wohl noch bei seinen Eltern, denkt man, vielleicht auch im Heim. Er mag 50 Jahre alt sein, doch in seinem Körper wohnt ein Kind. Noch immer schüttelt er den Kopf, der Badegast cremt weiter seine Wampe ein, ohne es zu wissen. »Nee!«, sagt Eberhard noch einmal. »Eima war ick badn: dahintn!« Er zeigt auf eine abgelegene Stelle hinter den Bäumen. Die Köpfe der Umliegenden folgen verstohlen seiner Geste. »Zu DDR-Zeiten war dit noch. Da wär ick fas'…« Er greift sich an den Hals und verdreht die Augen. Sein Fahrrad kippt, er fängt es gerade noch auf. Die Creme ist in die Wampe eingezogen, der Badegast sagt: »Naja.« Die Eltern schauen in ihre Bücher, ohne zu lesen. Von fern das Kreischen der Kinder. Die Zeit vergeht wie im Rascheln der welken Blätter. Sind es mehr als noch vorhin? Es ist vielleicht der letzte warme Tag des Jahres. Eberhard trägt eine Daunenjacke. Sein Blick ist auf den Vorderreifen seines Fahrrads geheftet. »Jetz' hängt da 'n Schild«, sagt er schließlich. »Hunde: Badn vabotn!«

Ach, wissen Sie was

Ein siebzehnstöckiges Hochhaus in Kreuzberg, morgens um neun. Im Fahrstuhl unterhalten sich zwei blauhaarige Greisinnen. Sie sind in tiefer Sorge um ihre geliebten Katzen: In einem unbeaufsichtigten Moment könnten die Tiere vom Balkon in die Tiefe stürzen und zerschellen. Wenn der Vertreter klingelt, die Kartoffeln kochen, die Wollwäsche schleudert... »Ich kann nicht mal ans Telefon gehen«, sagt die eine in einem Ton, der offenbart, dass das Problem seit Jahren besteht. »Wenn die Katze einen Spatz sieht und ihm hinterher springt…« Sie lässt den unfertigen Gedanken im Fahrstuhl stehen, der nun in einen bodenlosen Abgrund zu rasen scheint. »Ich habe den Balkon verbarrikadiert«, sagt die andere. »Jetzt ist die Katze sicher. Aber mein Mann und ich können nicht mehr draußen sitzen. Und das jetzt, wo der Sommer doch noch mal zurückkommt!« Der Fahrstuhl nähert sich unaufhaltsam der Hölle, die blauhaarigen Greisinnen rüsten ihre Einkaufswägelchen. Dann öffnet sich die Tür. »Ach, wissen Sie was, Frau Maiakovksi«, sagt die eine. »Wer seine Katze liebt, der schafft sich besser erst gar keine an.«

Ohne Ende

Berlin Mitte, unweit des Rosa-Luxemburg-Platzes, an einem Dienstagabend um acht Uhr. Die U2 spuckt Menschen aus, als wären sie ihr auf den Magen geschlagen. Die Ausgekotzten, sie strömen zur Volksbühne, in Nachtcafés, ein paar von ihnen dürften es sogar ins Soho House an der Torstraße schaffen, so beschissen schick haben sie sich gemacht. Es muss Stunden, Tage, ihr ganzes jämmerliches Leben gedauert haben. Zum Beispiel die da! Die mit dem toten Fuchs um den Hals! Traurig sieht es aus, das arme Tier, und das wohl nicht nur, weil es tot ist. Wenn Alfred Döblin das wüsste, denkt man. Wenn Gott das wüsste. Ist das noch Berlin? Sie wälzen sich hinauf, Spanier, Schweden, Osnabrücker. Dann das: Am Kiosk, gleich neben der U-Bahn-Treppe, stehen zwei ganz andere Pflanzen – sie sind echt. Berliner! Um diese Uhrzeit, hier! Ballonseide und Pulloverstrick: Ihre Kleidung gleicht der der absichtlich Schlechtangezogenen, allerdings passt sie zu ihren Gesichtern: Auch sie sind second hand. Die Frau trinkt harten Schnaps, der Mann raucht Schwarzer Krauser, die Stimmung ist im Keller. »Ick bin ja so wat von enttäuscht von dir«, sagt sie. »Echt jetz'?«, sagt er. »Ohne Ende«, sagt sie und rotzt etwas Braunes, Zähes auf den Gehsteig. Und plötzlich, ganz plötzlich ist das hier nicht mehr Mitte und auch nicht mehr 2011. Es riecht nach Fahne, Sputum, Hunger und Franz Bieberkopf: »Rechts und links sind Straßen. In den Straßen steht Haus bei Haus. Die sind vom Keller bis zum Boden mit Menschen voll.« Die mit dem toten Fuchs um den Hals ist längst weg. Die Frau am Kiosk trinkt harten Schnaps, der Mann raucht Schwarzer Krauser, die Stimmung ist noch immer im Keller. »Ohne Ende«, sagt sie. Und schließlich er: »Det is' natürlich blöd, jetz'.«

Wir gehen raus und gucken

Samstagnachmittag in Mitte, Oranienburger Straße. Draußen regnet es, drinnen auch: In der ℅-Galerie werden die Polaroids von Sibylle Bergemann gezeigt. Ihre Wohnung befand sich am Schiffbauerdamm, nur ein paar Schritte von hier. 27 Jahre lebte sie dort mit ihrem Mann Arno Fischer. »Das war meine Heimat«, sagt sie in einem Dokumentarfilm, der im Zwischenflur der Galerie gezeigt wird. Freunde gingen ein und aus, Fotografen von Weltrang auch sie, Henri Cartier-Bresson, Helmut Newton, Robert Frank. Sie alle wurden vertrieben, von einer Luxussanierung im Jahr 2004. »Das«, sagt Sibylle Bergemann, »war bestimmt ein Grund für meine Krankheit.« Letzten Herbst ist sie gestorben, am Krebs, mit 69 Jahren. Doch wie vermöchten wir sie tot zu wähnen? An der Treppe nach oben, zur Gregory-Crewdson-Ausstellung, stehen zwei junge Menschen und wirken recht beklommen. »Du«, sagt er, »ich will da nicht mehr hoch.« Er setzt sich auf die Stufen. »Ich bin ganz erschöpft von den Polaroids. So traurig.« – »Na, dann komm«, sagt sie und nimmt seine Hand. »Wir gehen raus und gucken, wo die Sibylle gewohnt hat.«