Wir gehen raus und gucken
Samstagnachmittag in Mitte, Oranienburger Straße. Draußen regnet es, drinnen auch: In der ℅-Galerie werden die Polaroids von Sibylle Bergemann gezeigt. Ihre Wohnung befand sich am Schiffbauerdamm, nur ein paar Schritte von hier. 27 Jahre lebte sie dort mit ihrem Mann Arno Fischer. »Das war meine Heimat«, sagt sie in einem Dokumentarfilm, der im Zwischenflur der Galerie gezeigt wird. Freunde gingen ein und aus, Fotografen von Weltrang auch sie, Henri Cartier-Bresson, Helmut Newton, Robert Frank. Sie alle wurden vertrieben, von einer Luxussanierung im Jahr 2004. »Das«, sagt Sibylle Bergemann, »war bestimmt ein Grund für meine Krankheit.« Letzten Herbst ist sie gestorben, am Krebs, mit 69 Jahren. Doch wie vermöchten wir sie tot zu wähnen? An der Treppe nach oben, zur Gregory-Crewdson-Ausstellung, stehen zwei junge Menschen und wirken recht beklommen. »Du«, sagt er, »ich will da nicht mehr hoch.« Er setzt sich auf die Stufen. »Ich bin ganz erschöpft von den Polaroids. So traurig.« – »Na, dann komm«, sagt sie und nimmt seine Hand. »Wir gehen raus und gucken, wo die Sibylle gewohnt hat.«