Hier vorne, im Flachen
Sonntag Nachmittag am Müggelsee. Es ist vielleicht der letzte warme Tag des Jahres. Kinder baden, Eltern lesen, ein paar welke Blätter rascheln über die Liegewiese, doch noch ist der Herbst nicht mehr als ein Gerücht. Da radelt, im Slalom um die Handtücher, ein Mann über den Rasen. Er trägt eine Daunenjacke. »Mensch, Eberhard!«, begrüßt ihn ein Badegast, der sich gerade die Wampe eincremt. »Willste ooch 'n bisschen planschen?« Eberhard bremst qietschend ab und schüttelt vehement den Kopf: »Nee! Ick darf nich' aleene schwimm’.« – »Doooch!«, sagt der Cremende, »hier vorne! Im Flachen!« Eberhard insistiert: »Nee! Wenn die dit zu Hause mitkriejen, is der Teufel los.« Er lebt wohl noch bei seinen Eltern, denkt man, vielleicht auch im Heim. Er mag 50 Jahre alt sein, doch in seinem Körper wohnt ein Kind. Noch immer schüttelt er den Kopf, der Badegast cremt weiter seine Wampe ein, ohne es zu wissen. »Nee!«, sagt Eberhard noch einmal. »Eima war ick badn: dahintn!« Er zeigt auf eine abgelegene Stelle hinter den Bäumen. Die Köpfe der Umliegenden folgen verstohlen seiner Geste. »Zu DDR-Zeiten war dit noch. Da wär ick fas'…« Er greift sich an den Hals und verdreht die Augen. Sein Fahrrad kippt, er fängt es gerade noch auf. Die Creme ist in die Wampe eingezogen, der Badegast sagt: »Naja.« Die Eltern schauen in ihre Bücher, ohne zu lesen. Von fern das Kreischen der Kinder. Die Zeit vergeht wie im Rascheln der welken Blätter. Sind es mehr als noch vorhin? Es ist vielleicht der letzte warme Tag des Jahres. Eberhard trägt eine Daunenjacke. Sein Blick ist auf den Vorderreifen seines Fahrrads geheftet. »Jetz' hängt da 'n Schild«, sagt er schließlich. »Hunde: Badn vabotn!«