Er lächelt wie ein Verlierer
Neukölln. Ein Bettler steht am Hermannplatz, abends um halb acht, vorm Kaufhaus. Er steht da ziemlich krumm, wie eine Tanne, die der Wind geformt hat, eine Krüppeltanne. Offenbar ist etwas mit seinem Fuß, eine Entzündung an der Sohle vielleicht, eine Verwachsung, ein Sporn. Der Bettler aber lächelt. Er lächelt wie ein Verlierer und merkt es nicht mehr. Als nun ein Passant vorübergeht, hastig, er muss wohl noch etwas fürs Wochenende besorgen, hebt der Bettler sich aus seiner Haltung. Er beginnt zu wanken, dann tanzt er auf dem Schmerz in seinem Fuß. Schließlich gerät er ins Schaukeln. Er schaukelt nun wie ein antikes Spielzeug, wie ein Stehaufmännchen, und lächelt dabei. Es ist ein Rhythmus, der kein Rhythmus ist, wenn er jetzt fällt und sich fängt und wieder fällt, dem Passanten entgegen. »Haben Sie ein bisschen Kleingeld über?« Der Passant erschrickt, wie gekitzelt, wie gezwickt schert er zur Seite aus, er hüpft beinah vom Geh- hinüber auf den Fahrradweg. Der Bettler klappert mit seinem Kaffeebecher, in dem sich zwei, höchstens drei Münzen befinden. Sind in seiner alten, stinkenden Jacke noch ein paar mehr? Hört der Passant ihn noch? Schüttelt er wenigstens den Kopf? »Schönes Wochenende!«, ruft ihm der Bettler hinterher. Auch der Passant lächelt jetzt wie ein Verlierer. Lächelnd geht er ins Kaufhaus. Nie zuvor ist er einem solch sympathischen Bettler begegnet.