Wenn du mich nicht wenigstens liebst

An einem Mittwochabend gegen halb zwölf unweit des Mariannenplatzes in Kreuzberg. Es ist bereits so kalt, dass der Atem kondensiert, der Atem der Schweigenden und der Atem der Sprechenden. »Nein, ich höre dir nicht mehr zu!«, ruft eine Frau von Mitte Vierzig in ihr Telefon. »Jetzt hörst du mir mal zu!« Sie wankt vor einer Kneipe hin und her, die Schminke ist verlaufen, die Frisur ein verlassenes Vogelnest. Um den Kummer zu ertränken, hat sie ihren Körper offenbar mit Schnaps und Bier geflutet. Doch jetzt kriecht er wieder an die Gestade dieses Mittwochabends. Es ist kalt, und man sieht ihren Atem, als sie jetzt schreit: »Ich hasse dich, du Wichser! Ich hasse dich!« Längst presst sie das Telefon nicht mehr ans Ohr, sie hält ihn vor sich hin. Sie sendet nur noch und empfängt nichts mehr. Ob der Mann am anderen Ende all das noch hört, ist zutiefst ungewiss. Er kann aufgelegt haben, schon vor Minuten, in der warmen Stube, wo man seinen Atem nicht sieht, weit entfernt vom Mariannenplatz. Daran denkt die Frau nicht, oder es ist ihr gleichgültig, sie spricht einfach weiter, das Telefon ist ihr Diktiergerät. „Ich will nicht mehr mit dir zusammen sein“, sagt sie schließlich, deutlich leiser, »wenn du mich nicht wenigstens liebst.« Dann lässt sie das Telefon sinken und lehnt sich, als wollte sie es übertreiben, gegen die Wand eines längst abgerissenen Hauses.