Ja, da haben Sie recht

Abends um acht im Hinterhof des Umspannwerks Ost in Friedrichshain, vorm Eingang des Kriminaltheaters. Es ist so kalt, dass selbst blaues Licht warm leuchtet. So kalt, dass man sich einbildet, Rauchen könnte einen wärmen. Aber wie es so ist, weil es immer so ist: Man hat kein Feuer. Nirgends. »Haben Sie mal Feuer?« Der Mann, der da auch noch im Hinterhof steht, zwischen Mülltonnen und Sichtwerbung, gräbt in seinen Hosentaschen. Nein, aber den Zigarrenstumpen hier, den könne man gern haben. Der Stumpen ist etwas feucht an der Mundseite, aber immerhin: Feuer. Und gemeinsam rauchen, das wärmt ja doppelt, bildet man sich jedenfalls ein. Aber warum ist der Mann bloß so nervös, ja verängstigt? Er äugt in Richtung Eingang, offenbar bereit zu fliehen. »Ich habe da mal eine Frage«, sagt er, fahrig Rauch ausatmend. »Glauben Sie, dass in diesem Theater wirklich Menschen umgebracht werden?« Man will lachen, doch es ist nicht lächerlich: Dieser Mann befürchtet wirklich Schlimmstes. Nein, nein, sagt man, mit gespielter Onkeligkeit, das sei ja alles nur Theater, Fiktion! »Wirklich?« Aber ja, außerdem wäre es ja viel zu umständlich, für jede Vorstellung neue Schauspieler zu engagieren. Der Verschleiß! »Ja, da haben Sie recht.« Der Mann saugt an seiner Zigarre, er wirkt nun etwas ruhiger. Und dabei könnte es bleiben, wenn nicht in diesem Augenblick aus dem Innenraum ein markerschütternder Schrei dringen würde. Im Kriminaltheater ist jemand ermordet worden.

Nun hört doch wenigstens mal hin

Staatsoper Unter den Linden. »Die Entführung aus dem Serail« von Mozart wird aufgeführt. Oder wie Eingeweihte sagen: »gegeben«. Diese Eingeweihten, sie tragen Garderobe, nicht bloß Kleider. Sie murmeln, weil man hier nicht einfach redet. Sie lesen ihre Programmhefte nicht, sie studieren sie. Und sie sagen, wenn sie mal für kleine Eingeweihte müssen und sich durch die Reihen quetschen, »Pardon« statt »Entschuldigung«. Wer nicht eingeweiht ist, dem wird vom Geruch nach Fuchsstola, Cognac und Großmutterparfum schwarz vor Augen, noch bevor das Deckenlicht erlischt. Doch plötzlich Unruhe auf dem Rang – eine Busladung Realschüler auf Klassenfahrt drängt herein. Ihre Gesichter stellen klar: Sie wollen nicht hier sein. Sie wissen nicht, was Oper ist, aber sie hassen sie. Nur ihre Lehrerin, eine Frau von fünfzig, die Irmgard heißen könnte, lächelt kunstsinnig in das nun tatsächlich abnehmende Licht hinein. Die Vorstellung beginnt, die Realschüler tun, was Realschüler tun müssen: Sie langweilen sich radikal. Holen ihre Telefone heraus. Knistern mit Brötchentüten und Daunenjacken. Lachen, flüstern, rülpsen, atmen, sind vorhanden – stören. Schon durchschneidet das erste »Psssst« die schwüle Luft wie ein in Großmutterparfum getauchter Giftpfeil. Krieg ist in Verzug. Die Eingeweihten gegen die Schüler, die Schüler gegen ihre Lehrerin, die Lehrerin gegen sich selbst. Auch Mozart unter den Opfern. Dann, in der Pause, ein erstaunlicher Akt der Diplomatie: Eine Eingeweihte steht auf und dreht sich, die Lehrerin ignorierend, zu den Schülern um. »Liebe Kinder«, sagt sie mit gespielter Geduld. »Nun hört doch wenigstens mal hin. Der Tenor wird in ein paar Jahren ein Star sein!« Der Klassensprecher steckt sich eine Kippe hinters Ohr. Sich zum Gehen abwendend, sagt er noch: »Aber wir sind nur noch diese Woche in Berlin.«

Es gehe nicht anders

Ein Baumarkt in Kreuzberg, abends gegen sieben. Vor dem Eingang sitzt ein kleiner Junge auf einem elektrischen Pferd. Ein Mann wirft eine Münze hinein. Das Pferd galoppiert los und bleibt doch stehen. Der Junge, etwas zu dick und etwas zu vergnügt, gibt ihm die Sporen. Der Mann grinst und betritt den Baumarkt. Dasselbe versucht nun schon seit längerem ein leicht läppischer Greis. Doch sein Hund will nicht draußen bleiben, wie das Schild am Eingang es verlangt. Der Greis erklärt alles, der Hund versteht nichts. Schließlich bindet er ihn an einem metallenen Ascheimer fest – es gehe nicht anders – und betritt ebenfalls den Baumarkt. Zurück bleiben der weinende Hund und der reitende Junge, ohne einander viel Beachtung zu schenken. Da taucht hinter einer Heckenformation eine Frau auf. Sie sieht den Jungen und ruft: »Jonas! Wer hat dir denn Geld für das Pferd gegeben?« Der Junge, immer noch etwas zu dick, aber nicht mehr vergnügt, antwortet, als wäre er sich einer unbekannten Schuld bewusst: »Ein Onkel.« Er sagt das sehr leise. Und doch versetzt die gesamte Situation den Hund offenbar in Panik. Er rennt davon, an der Frau, dem Jungen, der Heckenformation vorbei, und verschwindet im Dunkel. Den metallenen Ascheimer zieht er hinter sich her. Man hört ihn noch, als das Pferd längst wieder still steht.

Weit genug entfernt vom Eingang

Vor dem Französischen Dom an einem Samstagnachmittag gegen 17 Uhr. Hier ist der Weltgeist besonders konsequent: Wer auf dem Weihnachtsmarkt Geld ausgeben will, muss erst einmal Geld ausgeben – der Eintritt ist kostenpflichtig. An allen vier Ecken des Platzes haben sich vor den Kassenhäuschen Schlangen gebildet, die, ungleich Adventskerzen, immer länger werden. Die Fenster in den Plastikplanen gewähren einen Blick ins Innere, auf Holzpyramiden, Duftöle und Tontassen mit Vornamen darauf. Den Wartenden auf der anderen Seite der Plane steht etwas ins Gesicht geschrieben, man kann es bloß so schwer entziffern. Haben Sie Angst, dass die Tontassen mit ihrem Vornamen schon ausverkauft sein könnten, wenn sie endlich soweit vorgedrungen sind? Oder vielmehr vor dem Schnapspanscher, der dieser Tage sein Unwesen treibt? Würden sie gern frieren und sind nun enttäuscht, dass es dafür noch nicht kalt genug ist? Haben sie sich das alles irgendwie anders vorgestellt? »Scheiß Berlin«, faucht da ein Mann, der offenbar nicht von hier ist. Er steht nicht mehr ganz am Ende der Schlange, aber immer noch weit genug entfernt vom Eingang, um diese Stadt zu verfluchen. Neben ihm verzieht seine Frau ihren Mund zu einem resignativen Strich. Wenn das die schönste Zeit des Jahres sein soll, was ist dann erst die hässlichste? »Scheiß Berlin«, faucht der Mann noch einmal, dann fragt er, den Kopf leicht zu seiner Frau gedreht, ohne sie anzuschauen: »Oder?« Was und ob die Frau antwortet, bleibt allerdings unklar. Denn in diesem Moment brüllt ein Ordner, verkleidet als Berliner Gendarm der vorletzten Jahrhundertwende, eine Anweisung. Man solle doch bitte eine gerade Schlange bilden. Es könne doch nicht so schwer sein.

Wenn du mich nicht wenigstens liebst

An einem Mittwochabend gegen halb zwölf unweit des Mariannenplatzes in Kreuzberg. Es ist bereits so kalt, dass der Atem kondensiert, der Atem der Schweigenden und der Atem der Sprechenden. »Nein, ich höre dir nicht mehr zu!«, ruft eine Frau von Mitte Vierzig in ihr Telefon. »Jetzt hörst du mir mal zu!« Sie wankt vor einer Kneipe hin und her, die Schminke ist verlaufen, die Frisur ein verlassenes Vogelnest. Um den Kummer zu ertränken, hat sie ihren Körper offenbar mit Schnaps und Bier geflutet. Doch jetzt kriecht er wieder an die Gestade dieses Mittwochabends. Es ist kalt, und man sieht ihren Atem, als sie jetzt schreit: »Ich hasse dich, du Wichser! Ich hasse dich!« Längst presst sie das Telefon nicht mehr ans Ohr, sie hält ihn vor sich hin. Sie sendet nur noch und empfängt nichts mehr. Ob der Mann am anderen Ende all das noch hört, ist zutiefst ungewiss. Er kann aufgelegt haben, schon vor Minuten, in der warmen Stube, wo man seinen Atem nicht sieht, weit entfernt vom Mariannenplatz. Daran denkt die Frau nicht, oder es ist ihr gleichgültig, sie spricht einfach weiter, das Telefon ist ihr Diktiergerät. „Ich will nicht mehr mit dir zusammen sein“, sagt sie schließlich, deutlich leiser, »wenn du mich nicht wenigstens liebst.« Dann lässt sie das Telefon sinken und lehnt sich, als wollte sie es übertreiben, gegen die Wand eines längst abgerissenen Hauses.

Ohne Martinshorn, aber mit Blaulicht

Eine Häuserschlucht am Mehringplatz, nachts um halb drei. Unten auf der Straße, zwischen Supermarkt und Wettbüro liefern sich zwei Männer ein Wortgefecht. Es geht um verletzte Ehre, Lügen, eine Frau und, wenn man das richtig verstanden hat, eine nicht rechtzeitig zurückgegebene CD. Nun will der eine Mann den anderen umbringen, der andere den einen ebenso. »Ich stech dich ab!« – »Ich mach dich kalt!« – »Ruhe da unten!«, ruft ein Anwohner vom Balkon herunter. Es könne doch nicht wahr sein, er müsse in zwei Stunden zur Schicht und sowieso: Ob sie sich nicht bitte zu Hause umbringen könnten. Es hilft nichts. Die Polizei muss kommen. Um endlich Ruhe zu stiften, rast sie mit ohrenbetäubendem Tatütata die Friedrichstraße hinauf. Die Rivalen stieben davon, der eine durch den Theodor-Wolff-Park, der andere in Richtung Hallesches Tor. Die Polizisten stehen eine Weile herum und besprechen sich, dann suchen sie den Tatort mit Taschenlampen ab. Als sie wieder davon fahren, die Friedrichstraße hinunter, ohne Martinshorn, aber mit Blaulicht, hört man aus der Höhe die kehligen Rufe von Graugänsen, die über Kreuzberg ziehen. Zunächst auch in Richtung Hallesches Tor, dann aber weiter. Nach Süden. Fort von hier.

Obwohl von dort nichts kommen kann

Eine Kreuzung in Friedrichshain, die Karl-Marx-Allee trifft auf die Straße der Pariser Kommune, dass es nur so kracht. Seit Jahren wird hier irgendwas gebaut oder abgerissen, wer weiß es schon, seit Jahren stehen hier nur provisorische Ampeln in bulgarischer Schaltung: Mal gehen sie, meistens gehen sie nicht. Kann ein Vater hier seinem Sohn beibringen, wie man sich im Straßenverkehr richtig orientiert? Einer versucht es wenigstens, guckt links, dann rechts, obwohl von dort nichts kommen kann, dann noch mal links, und das Kind schwenkt den Kopf mit, als wäre er an den des Vaters gebunden. Ein LKW aus MOL donnert vorbei, ein Taxi, ein Fahrrad mit einer Frau vorn und einem Hund hinten drauf. Da! Endlich eine Lücke, der Vater zerrt den Sohn auf die Insel in der Mitte. Auch dort ist die Ampel kaputt, blind schaut sie auf das Bemühen der Menschen, halbwegs gesund nach Hause zu gelangen. Jetzt rechts, dann links, obwohl von dort nichts kommen kann, dann noch mal rechts. Doch jetzt schaut das Kind nur noch auf den Asphalt vor sich. »Papa«, sagt es. »Überall, wo ich hin gucke, ist Berlin.«