Nun hört doch wenigstens mal hin
Staatsoper Unter den Linden. »Die Entführung aus dem Serail« von Mozart wird aufgeführt. Oder wie Eingeweihte sagen: »gegeben«. Diese Eingeweihten, sie tragen Garderobe, nicht bloß Kleider. Sie murmeln, weil man hier nicht einfach redet. Sie lesen ihre Programmhefte nicht, sie studieren sie. Und sie sagen, wenn sie mal für kleine Eingeweihte müssen und sich durch die Reihen quetschen, »Pardon« statt »Entschuldigung«. Wer nicht eingeweiht ist, dem wird vom Geruch nach Fuchsstola, Cognac und Großmutterparfum schwarz vor Augen, noch bevor das Deckenlicht erlischt. Doch plötzlich Unruhe auf dem Rang – eine Busladung Realschüler auf Klassenfahrt drängt herein. Ihre Gesichter stellen klar: Sie wollen nicht hier sein. Sie wissen nicht, was Oper ist, aber sie hassen sie. Nur ihre Lehrerin, eine Frau von fünfzig, die Irmgard heißen könnte, lächelt kunstsinnig in das nun tatsächlich abnehmende Licht hinein. Die Vorstellung beginnt, die Realschüler tun, was Realschüler tun müssen: Sie langweilen sich radikal. Holen ihre Telefone heraus. Knistern mit Brötchentüten und Daunenjacken. Lachen, flüstern, rülpsen, atmen, sind vorhanden – stören. Schon durchschneidet das erste »Psssst« die schwüle Luft wie ein in Großmutterparfum getauchter Giftpfeil. Krieg ist in Verzug. Die Eingeweihten gegen die Schüler, die Schüler gegen ihre Lehrerin, die Lehrerin gegen sich selbst. Auch Mozart unter den Opfern. Dann, in der Pause, ein erstaunlicher Akt der Diplomatie: Eine Eingeweihte steht auf und dreht sich, die Lehrerin ignorierend, zu den Schülern um. »Liebe Kinder«, sagt sie mit gespielter Geduld. »Nun hört doch wenigstens mal hin. Der Tenor wird in ein paar Jahren ein Star sein!« Der Klassensprecher steckt sich eine Kippe hinters Ohr. Sich zum Gehen abwendend, sagt er noch: »Aber wir sind nur noch diese Woche in Berlin.«