Wir suchen das Tanzen, Annelie, weine nicht

Ein Tumult an der Tramstation Warschauer Straße, an einem Montag gegen 15 Uhr. Ein Brückenpunk und ein Weißhaariger rempeln einander, und beide rufen sie nach der Polizei, der Punk sogar noch lauter. Man will schlichten, zumal der Weißhaarige recht hinfällig ist, da sieht man etwas abseits ein pummeliges Mädchen stehen, das weint und zittert. Es stellt sich nun heraus, dass die Männer ihm helfen wollen, doch eben gegeneinander und derart aggressiv, dass es sich ängstigt. Warum muss ihm denn geholfen werden? Es wirkt verloren hier, mit dem Riesentornister, der rosaschmutzigen Daunenjacke und der beschlagenen Brille. Als das Schluchzen abklingt, kann das Mädchen seinen Namen sagen: Annelie. Sie kommt aus Marzahn. Hallo, Annelie aus Marzahn, was ist geschehen? Auf dem Weg von der Schule zum Tanzen hat sie sich verlaufen, verfahren und dann ganz und gar verloren. Kein Handy, kein Zettel mit Mamas Nummer, ein Schlüsselkind ohne Schlüssel, und wo das Tanzen stattfindet, das weiß sie nicht mehr ganz genau. Aber sie muss da hin, unbedingt, morgen ist doch die große Aufführung, und sie kann es noch nicht so gut. Jetzt weint sie wieder. Wir suchen das Tanzen, Annelie, weine nicht. Also fährt man mit ihr in der Tram den Weg zurück, den sie gekommen sein könnte. Kommt dir diese Station bekannt vor, Annelie? Die auch? Und die? Sie nickt und nickt, dann nickt sie nicht mehr, und man ist mit ihr verloren, irgendwo in Lichtenberg, es wird dunkel, und das Tanzen ist längst vorbei. Die Aufführung wird trotzdem toll, sagt man, meinst du wirklich, fragt Annelie und guckt durch die beschlagene Brille. Ja, na klar. Komm, ich bring dich nach Hause, nach Marzahn. Ok, sagt Annelie, dann zeig ich dir noch, wie ich immer balanciere auf der Betonwand vor unserem Haus. Du bist nett.

Und wie geht es dir?

U-Bahn-Station Warschauer Straße in Friedrichshain, an einem Mittwoch um 18 Uhr. Ein kleiner Mann mit schwarzem Hut, schwarzer Lederjacke, schwarzer Sonnenbrille und schwarzem Bart, ein kleiner Mann also ganz in Schwarz bahnt sich seinen Weg durch die bunte Masse, die der Zug aus der Gegenrichtung ausgespuckt hat. Er läuft sehr rasch den Bahnsteig entlang, rempelt aber niemanden, bleibt nirgends hängen, strauchelt nicht, vielmehr stößt er die Menschen ab wie ein negativer Pol den anderen. Selbst ein Auto, so scheint es, würde jetzt an ihm abprallen. Schließlich besteigt er das Abteil ganz vorne hinter dem Triebwagen, wo nur wenige andere Passagiere sitzen, lässt sich in einer Ecke nieder und lächelt. Ein eigentümlich versiegeltes Lächeln flackert da schwach aus seinem schwarzen Bart, unter seiner schwarzen Sonnenbrille und seinem schwarzen Hut. Ein Lächeln nur für ihn selbst, ein Geschenk, das er sich macht an diesem Mittwoch um 18 Uhr. Dann schüttelt er den Kopf, schüttelt den Kopf und lächelt. »Wie kann man nur so schlecht gelaunt gucken?«, fragt er einen Büromenschen, der ihm schräg gegenübersitzt und die Aktentasche umklammert hält. »Wie bitte?«, fragt der Büromensch erschrocken. »Warum bist du so schlecht drauf, mein Freund?«, fragt der Mann in Schwarz und klingt ganz so, als wäre er das Gewissen des Büromenschen. »Ach, ich bin nur müde«, sagt der Büromensch und ist plötzlich ganz weich. »Aber sonst geht es mir gut. Und wie geht es dir?« Ein Moment wundersamer Zärtlichkeit in der U1 in Richtung Theodor-Heuss-Platz. »Ich versuche, auf den Beinen zu bleiben«, sagt der Mann in Schwarz. »Ich habe mein Kind verloren.« Der Büromensch schnappt nach Luft, er ringt um Worte, doch er schweigt. Bis zum Kottbusser Tor ist sein Schweigen zu hören, das das Rattern der Bahn übertönt. Dann steht er auf, und im Vorbeigehen legt er dem Mann in Schwarz die Hand auf die Schulter. Der nimmt seine Sonnenbrille ab. Er weint.

Das hat sie jetzt davon

Im Kreuzberger Wrangelkiez, am späten Donnerstagabend. Willkommen am Ballermann Berlins. Aber man ist ja gewarnt worden: »Attention! You are entering the tourism sector!«, hat jemand am Schlesischen Tor in dicken schwarzen Strichen an die Stahlträger des Hochgleises gepinselt. Es ist der Ort, an dem die Rollkoffermenschen das Wilde, Ungeschlachte dieser Stadt suchen und doch nur Ihresgleichen finden. Hinfort gentrifiziert sind die Kiezkneipen und ihre Insassen. Sie husten ihr Sputum jetzt auf das Pflaster außerhalb des Rings, in Rudow, Treptow, Lichtenrade. Berlin hat sein eigenes Zentrum längst preisgegeben. Dort schlägt nun ein fremdes Herz in einem Takt, der auch Fans von Helene Fischer schunkeln lässt. In den indischen Restaurants, die sich in der Schlesischen Straße aneinander reihen, sitzen ortsfremde Niedersachsen unter der Markise. Vater und Mutter in Dreiviertelhosen, die Kinder in Klamotten, aus denen noch das Preisschild hängt. Ihr Blick wandert zwischen dem Chicken-Curry, das soviel exotischer schmeckt als alles daheim in Gifhorn, und dem Gehsteig hin und her, sie schwitzen. Bizarr ist es allemal, was sie für ihr Eintrittsgeld zu sehen bekommen: Katalonische Rastafari, britische Kampftrinker, japanische Selfiestangenträger und ein Pfandflaschensammler, der wohl selbst nicht mehr weiß, woher er einst kam und wo er sich genau befindet. Sie halten es für Berlin, und wenn sie den Daheimgebliebenen davon erzählen, ihnen die verschwommenen Handyfotos zeigen, dann werden sie das Wort »Schmelztiegel« verwenden. Verrückt war es, aber auch sehr schön. Mal abgesehen von der Frau, die auf der Parkbank in der Falckensteinstraße Marihuana raucht und jeden beschimpft, der vorbeiläuft. Sie nimmt es offenbar persönlich, dass man ihr Kreuzberg weggenommen hat. Zwei juvenilen Vollbartträger, die verträumt ein Eis schlecken, brüllt sie »Ihr halbschwulen Berghainis!« hinterher. »Ihr kotzt mich an!« Die beiden beschleunigen panisch ihre Schritte, als hätte man auf sie geschossen, bloß weg von diesem wilden, ungeschlachten Berlin und den gefährlichen Hexen, die es bewohnen. »Scheiß Touristen!«, ruft die Frau. »Ihr haltet das hier für eine Performance! Aber es ist die Wahrheit, hört Ihr? Die beschissene Wahrheit! Ihr kotzt mich alle an!« Es ändert nichts. Die ortsfremdem Niedersachsen bestellen einen Nachtisch, die britischen Kampftrinker urinieren in einen Hauseingang, die katalonischen Rastafari spielen Gitarre auf der Parkbank, wo eben noch die Hexe gesessen und geschimpft hat. Wohin mag sie verschwunden sein? Nach Rudow, Treptow, Lichtenrade? Ein Rettungswagen steht nun plötzlich in der Falckensteinstraße, das Blaulicht flackert unter den Markisen. »Das hat sie jetzt davon«, sagt ein Schaulustiger. »Die ist doch nicht ganz dicht.«

Und du hast jetzt Angst!

Die Reichenberger Straße in Kreuzberg, an einem späten Mittwochnachmittag im Mai. Die schreiend bunte Außenwerbung des Wettbüros an der Ecke zeigt das Meer der Möglichkeiten: Ein Traumschiff segelt an einer riesigen Espressotasse vorüber, einer Insel aus Wolkenkratzern entgegen, an deren Strand ein verschlagener Schimpanse im Hawaiihemd mit Dollarnoten wedelt. Auf den ersten Blick das Werk eines wahnsinnig gewordenen Gebrauchsgrafikers, auf den zweiten ein Zerrspiegel des Lebens hier im Kiez: Gegenüber fährt ein ehemals berühmter Musikansager mit seinem froschgrünen Porsche im Aufzug direkt in seine Wohnung, die Scheiben des sogenannten Car-Lofts sind eingeschlagen, gekittet und wieder eingeschlagen worden. Das Geschäft im Erdgeschoss, das Wellnessprodukte für den eleganten Hund anbot, steht seit dem Winter leer, im Café daneben schauen Designstudenten irgendwie bedeutsam drein und wissen nicht genau, warum. Aus dem Görlitzer Park vertriebene Drogendealer kreisen auf Damenrädern um den Block, sie zischen die Passanten an, geheimes Zeichen eines Deals, der nur dann und wann zustande kommt. Ein ausgeweideter Fernseher steht »zum Mitnehmen« am Baum, am Heck des treu vor sich hin tuckernden Müllwagens hängt ein Kirmesteddy, der von ferne aussieht wie Klaus Wowereit, schon lange außer Dienst. Ein Mietwagen mit offenem Verdeck rast scheinbar fahrerlos vorbei, dem Horizont entgegen, der dort hinten, hinter dem Landwehrkanal, ja schließlich irgendwo liegen muss. Und durch all das tanzen die Kinder aus den Tagesstätten, die zu Stunde ihre Pforten schließen, wie freigelassene Welpen, täppisch zwar, aber umso fröhlicher. Eines hat auf dem Gehsteig eine Scherbe gefunden und spielt mit ihr, ein anderes saugt an einem weggeworfenen Strohhalm, die Sonne scheint, da sie keine Wahl hat, auf sie hinab. Eine Geisterbahn, am helllichten Kreuzberger Tag, der Eintritt ist wie immer frei. »Ich bin ein Werwolf, und du hast jetzt Angst!«, ruft jetzt ein Mädchen seiner Mutter zu. »Ich kann erst zu Hause Angst haben«, sagt die Mutter. »Hier sind mir zu viele Autos.«

Blut überall, auf den Flaschen

Kreuzberg. Samstagabend in einem Supermarkt am Mehringplatz. Es ist die halbe Stunde kurz vor Geschäftsschluss, da die Alleinstehenden einkaufen. Junge Kunstschaffende, soeben aus den umliegenden Ateliers geeilt, um noch schnell Toastbrot, leichte Margarine und eine Südfrucht für das Frühstück am Sonntag zu besorgen, das sie erst am Montag einnehmen werden, wie sie jetzt schon wissen. Entsprechend halbherzig der Einkauf, schlecht kaschiert von einem aufs Kassenband geschmissenen Strauß neonfarbener Tulpen. Und dann sind da noch die sehr Alleinstehenden: die Pfandflaschensammler, die jetzt, kurz vor knapp, ihre Wochenernte in reißenden Säcken die Regalgänge entlang zerren. Dem einen, einem schnaufenden Mann in steifer Jeansjacke, sind vorm Automaten gleich mehrere Flaschen zu Boden gefallen, aus der stinkenden Restbierpfütze klaubt er die Scherben und schneidet sich dabei die Handflächen auf. Blut überall, auf den Flaschen, dem Automaten, dem Aufsteller, in dem die Gewürze alphabetisch geordnet sind. Nun betrachtet er seine Hand, als wäre es nicht seine. »Wir brauchen einen Verbandskasten!«, ruft ein herbeigeeilter Kunstschaffender, der Flaschensammler scheint die Blutstropfen zu zählen. Hinter der Stahltür, im Lagerraum, in dem ein Zettel mit der Warnung hängt, jeder Mitarbeiter, der die Ordnung nicht halte, müsse mit sofortiger Abmahnung rechnen, taucht ein Kassierer auf und verschwindet wieder. Der Marktleiter tut dasselbe. »Einen Verbandskasten«, ruft der Kunstschaffende. »Schnell!« Eine alte Frau schiebt ihren Einkaufswagen, in dem eine Dose Fondor liegt, durch die sich vergrößernde Blutlache und malt eine rote Doppelspur auf die Fliesen bei den Kartoffelchips. Der Kassierer und der Marktleiter lugen aus dem Lagerraum wie scheue Eichhörnchen. Sie können kein Blut sehen, aber sie wollen es offenbar auch nicht verpassen. Einen Verbandskasten bringen sie nicht. Der Flaschensammler verlässt, die Hand mit mehreren Lagen Toilettenpapier umwickelt, den Supermarkt, in dem die Alleinstehenden und die sehr Alleinstehenden einkaufen, an diesem Samstagabend am Mehringplatz.

HDGDL

Friedrichshain, am Comeniusplatz, an einem Dienstag zur Mittagszeit. Der Berliner Frühling will es jetzt wirklich wissen: Auf dem Gehsteig Ecke Gubener Straße liegt bereits eine tote Hummel, die Blumenzwiebeln, die die Stadtgärtner in die Kübel gedrückt haben, treiben endlich aus der grauen Erde und balancieren Zigarettenkippen auf der Sprossachse, die ersten Tische stehen draußen. Dürfen wir uns setzen? Moment. Der Kellner kommt herbeigetrottet und rasselt die Verschlusskette aus der Biergarnitur. Wer klaut die bloß, wenn man sie nicht sichert? Es gibt ja Menschen, die gibt es gar nicht. Darf es schon was zu trinken sein? Noch nicht, wir gucken erst mal. Zwei Tische weiter sitzt allein ein gereifter Herr, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, die Sonnenbrille ins noch volle Haar geschoben wie Lothar Matthäus, und schaut auf sein Mobiltelefon. Schaut und schaut. Das muss ja eine lange SMS sein, die er da erhalten hat. Oder sie ist so schön, dass er sie mehrmals liest. Ein Gruß der geliebten Tochter aus einem anderen Frühling, aus einer anderen Stadt? HDGDL. Auf dem Spielplatz kreischen die Schaukelkinder, die Zeit, sie vergeht ja so schnell. Man schaut nur kurz aufs Telefon, und schon ist es Sommer geworden, dann Herbst, Winter, wieder Frühling, neue Hummeln sind gestorben, neue Blumenzwiebeln in die Kübel gedrückt worden, nur die Tische sind jedes Jahr die alten. Einen Kaffee bitte, aber bitte lassen Sie den Keks weg, danke sehr. Der gereifte Herr schaut noch immer auf sein Telefon. Er drückt keine Taste, er wischt nicht über den Bildschirm, schaut nur und schaut. Er lächelt, die Vögel zwitschern entschlossen. Dank moderner Technik ruft ihn jetzt auch, wenn er unterwegs ist, niemand an.

Ball der einsamen Hirne

Kreuzberg, drei Tage nachdem das alte Jahr verstorben ist. An einem Bauzaun hinter der Bundesdruckerei hängt schief ein neonfarbenes Plakat: „Ü30-Party“, steht darauf – und: „Fetenhits!“ Auch in Zukunft gilt also: Berlin ist überall seine eigene Vorstadt. Ein Twingo kommt in verkehrter Richtung aus der Einbahnstraße und prescht durch den papiernen Raketenmatsch. Am Rückspiegel baumelt ein Würfel aus Plüsch. Ü30-Party, Fetenhits. Wegen des großen Erfolgs im Partyzelt diesmal im: Admiralspalast. Wurde dorthin nicht mal anders eingeladen als auf neonfarbenen Plakaten? Zu anderen Anlässen als zu Polonäsen Anschlusssuchender? Was sagen die Ü80-Menschen dazu? Nichts: Sie haben sich noch in ihren Bauten verschanzt, aus Angst vor den Bomben an Silvester, und weinen in ihre Konserven. Raketenmatsch und Fetenhits. Als wäre Berlin eine Dorfdisco. Ist Berlin eine Dorfdisco? Willkommen zum Ball der einsamen Hirne: Der Cousin aus Westdeutschland fährt auf dem Bierbike durch die Nacht. Wo ist sein Mallorca-Hut? Ein Junggesellenabschied hechtet geschlossen in die Bowle. So jung kommen wir nicht mehr zusammen, wie hier, auf der Ü30-Party. Wir brauchen noch mehr Fetenhits. „Kommst du mit?“, schreit das neonfarbene Plakat, an einem Bauzaun hinter der Bundesdruckerei den Fahrradfahrer an. Drei Tage nachdem das alte Jahr verstorben ist. „Kommst du jetzt mit, oder was?“ Nein, danke. Ich gehe 2015 mal etwas eher ins Bett.