Wir suchen das Tanzen, Annelie, weine nicht
Ein Tumult an der Tramstation Warschauer Straße, an einem Montag gegen 15 Uhr. Ein Brückenpunk und ein Weißhaariger rempeln einander, und beide rufen sie nach der Polizei, der Punk sogar noch lauter. Man will schlichten, zumal der Weißhaarige recht hinfällig ist, da sieht man etwas abseits ein pummeliges Mädchen stehen, das weint und zittert. Es stellt sich nun heraus, dass die Männer ihm helfen wollen, doch eben gegeneinander und derart aggressiv, dass es sich ängstigt. Warum muss ihm denn geholfen werden? Es wirkt verloren hier, mit dem Riesentornister, der rosaschmutzigen Daunenjacke und der beschlagenen Brille. Als das Schluchzen abklingt, kann das Mädchen seinen Namen sagen: Annelie. Sie kommt aus Marzahn. Hallo, Annelie aus Marzahn, was ist geschehen? Auf dem Weg von der Schule zum Tanzen hat sie sich verlaufen, verfahren und dann ganz und gar verloren. Kein Handy, kein Zettel mit Mamas Nummer, ein Schlüsselkind ohne Schlüssel, und wo das Tanzen stattfindet, das weiß sie nicht mehr ganz genau. Aber sie muss da hin, unbedingt, morgen ist doch die große Aufführung, und sie kann es noch nicht so gut. Jetzt weint sie wieder. Wir suchen das Tanzen, Annelie, weine nicht. Also fährt man mit ihr in der Tram den Weg zurück, den sie gekommen sein könnte. Kommt dir diese Station bekannt vor, Annelie? Die auch? Und die? Sie nickt und nickt, dann nickt sie nicht mehr, und man ist mit ihr verloren, irgendwo in Lichtenberg, es wird dunkel, und das Tanzen ist längst vorbei. Die Aufführung wird trotzdem toll, sagt man, meinst du wirklich, fragt Annelie und guckt durch die beschlagene Brille. Ja, na klar. Komm, ich bring dich nach Hause, nach Marzahn. Ok, sagt Annelie, dann zeig ich dir noch, wie ich immer balanciere auf der Betonwand vor unserem Haus. Du bist nett.