Blut überall, auf den Flaschen
Kreuzberg. Samstagabend in einem Supermarkt am Mehringplatz. Es ist die halbe Stunde kurz vor Geschäftsschluss, da die Alleinstehenden einkaufen. Junge Kunstschaffende, soeben aus den umliegenden Ateliers geeilt, um noch schnell Toastbrot, leichte Margarine und eine Südfrucht für das Frühstück am Sonntag zu besorgen, das sie erst am Montag einnehmen werden, wie sie jetzt schon wissen. Entsprechend halbherzig der Einkauf, schlecht kaschiert von einem aufs Kassenband geschmissenen Strauß neonfarbener Tulpen. Und dann sind da noch die sehr Alleinstehenden: die Pfandflaschensammler, die jetzt, kurz vor knapp, ihre Wochenernte in reißenden Säcken die Regalgänge entlang zerren. Dem einen, einem schnaufenden Mann in steifer Jeansjacke, sind vorm Automaten gleich mehrere Flaschen zu Boden gefallen, aus der stinkenden Restbierpfütze klaubt er die Scherben und schneidet sich dabei die Handflächen auf. Blut überall, auf den Flaschen, dem Automaten, dem Aufsteller, in dem die Gewürze alphabetisch geordnet sind. Nun betrachtet er seine Hand, als wäre es nicht seine. »Wir brauchen einen Verbandskasten!«, ruft ein herbeigeeilter Kunstschaffender, der Flaschensammler scheint die Blutstropfen zu zählen. Hinter der Stahltür, im Lagerraum, in dem ein Zettel mit der Warnung hängt, jeder Mitarbeiter, der die Ordnung nicht halte, müsse mit sofortiger Abmahnung rechnen, taucht ein Kassierer auf und verschwindet wieder. Der Marktleiter tut dasselbe. »Einen Verbandskasten«, ruft der Kunstschaffende. »Schnell!« Eine alte Frau schiebt ihren Einkaufswagen, in dem eine Dose Fondor liegt, durch die sich vergrößernde Blutlache und malt eine rote Doppelspur auf die Fliesen bei den Kartoffelchips. Der Kassierer und der Marktleiter lugen aus dem Lagerraum wie scheue Eichhörnchen. Sie können kein Blut sehen, aber sie wollen es offenbar auch nicht verpassen. Einen Verbandskasten bringen sie nicht. Der Flaschensammler verlässt, die Hand mit mehreren Lagen Toilettenpapier umwickelt, den Supermarkt, in dem die Alleinstehenden und die sehr Alleinstehenden einkaufen, an diesem Samstagabend am Mehringplatz.