Und wie geht es dir?
U-Bahn-Station Warschauer Straße in Friedrichshain, an einem Mittwoch um 18 Uhr. Ein kleiner Mann mit schwarzem Hut, schwarzer Lederjacke, schwarzer Sonnenbrille und schwarzem Bart, ein kleiner Mann also ganz in Schwarz bahnt sich seinen Weg durch die bunte Masse, die der Zug aus der Gegenrichtung ausgespuckt hat. Er läuft sehr rasch den Bahnsteig entlang, rempelt aber niemanden, bleibt nirgends hängen, strauchelt nicht, vielmehr stößt er die Menschen ab wie ein negativer Pol den anderen. Selbst ein Auto, so scheint es, würde jetzt an ihm abprallen. Schließlich besteigt er das Abteil ganz vorne hinter dem Triebwagen, wo nur wenige andere Passagiere sitzen, lässt sich in einer Ecke nieder und lächelt. Ein eigentümlich versiegeltes Lächeln flackert da schwach aus seinem schwarzen Bart, unter seiner schwarzen Sonnenbrille und seinem schwarzen Hut. Ein Lächeln nur für ihn selbst, ein Geschenk, das er sich macht an diesem Mittwoch um 18 Uhr. Dann schüttelt er den Kopf, schüttelt den Kopf und lächelt. »Wie kann man nur so schlecht gelaunt gucken?«, fragt er einen Büromenschen, der ihm schräg gegenübersitzt und die Aktentasche umklammert hält. »Wie bitte?«, fragt der Büromensch erschrocken. »Warum bist du so schlecht drauf, mein Freund?«, fragt der Mann in Schwarz und klingt ganz so, als wäre er das Gewissen des Büromenschen. »Ach, ich bin nur müde«, sagt der Büromensch und ist plötzlich ganz weich. »Aber sonst geht es mir gut. Und wie geht es dir?« Ein Moment wundersamer Zärtlichkeit in der U1 in Richtung Theodor-Heuss-Platz. »Ich versuche, auf den Beinen zu bleiben«, sagt der Mann in Schwarz. »Ich habe mein Kind verloren.« Der Büromensch schnappt nach Luft, er ringt um Worte, doch er schweigt. Bis zum Kottbusser Tor ist sein Schweigen zu hören, das das Rattern der Bahn übertönt. Dann steht er auf, und im Vorbeigehen legt er dem Mann in Schwarz die Hand auf die Schulter. Der nimmt seine Sonnenbrille ab. Er weint.