Oz

An einem Sonntagabend in Schöneberg, am Ende eines heißen Tages. Auf den Balkonen in der Hochkirchstraße hängen die Laken draußen über Nacht, sie nehmen den Duft an von gegossenen Pflanzen und der Nachglut der Steine, von Sternen und Heimkehrern, von Kühle und Flieder, vom Tau früh morgens schließlich, sie verlieren dann den Duft von uns, und wir können nicht mehr sagen, wie wir das finden. Berlin nickt ein beim Spätfilm, schwer und seltsam glücklich, trotz alledem, als wären morgen Ferien, schon kämpfen die Katzen in den Hinterhöfen dieser Stadt, die wir hassen, die wir lieben, und da geht eine Frau den Weg entlang mit ihrer Tochter. Es muss ihr dritter oder vierter Sommer sein, ihre erste Sommernacht vielleicht, sie geht neben ihrer Mutter her, als hätten die beiden ein Geheimnis, zwei Freundinnen, die etwas teilen: Sag niemandem, dass du so lang wach warst. Ich verspreche es dir. Dann bleiben wir noch etwas wach und laufen nicht zu schnell nach Hause, damit der Sommer nicht vergeht. Das Mädchen hat eine Blume in der Hand, als hätte es selbst sie sich dort hingemalt, die drei Leute an den Tischen vorm Lokal, die trinken und rauchen und trinken, schauen sie an, als wäre sie die kleine Judy Garland im »Zauberer von Oz«, so wie sie durch den Abend balanciert: Herzen werden niemals zweckmäßig sein, bis sie unzerbrechlich gemacht werden. So laufen sie dahin, Mutter und Tochter, beide ohne Strümpfe in ihren leichten Schuhen, und das Letzte, was man noch hört, ist: »Schau mal, da oben. Bald ist Vollmond.« – »Aber Mama«, sagt das Mädchen, »mit Vollmond spricht man doch nicht.«

Es ist okay

Im Morgengrauen in Schöneberg, an einem Dienstag um halb fünf. Auf dem Balkon der Wohnung schräg oben drüber, in die, wie man bereits herauszufinden leider nicht umhin gekommen ist, vor kurzem eine unübersichtlich große Gruppe wahnsinnig junger und wahnsinnig lauter Menschen eingezogen ist, dauert die Party immer noch an. Tiefe Bässe, schrilles Gekreisch, irgendjemand ist zudem sehr ausdauernd darin, mit einem vorschlaghammerartigen Werkzeug gegen die Brüstung zu dreschen. Wäre man doch selbst noch einmal ein so wahnsinnig junger und so wahnsinnig lauter Mensch, denkt man sich, seit Stunden in zerbissenen Kissen zwischen Halbschlaf und Wutanfall hin und her oszillierend, dann würde man jetzt nicht hier liegen wie ein Kleingärtner im Schlafanzug und darüber nachdenken, ob es allzu spießig wäre, langsam mal die Polizei anzurufen. Dann würde man womöglich auch auf dem Balkon schräg oben drüber stehen, sein zwölftes Limettenbier trinken, Zigaretten paffen und sich Hoffnungen machen, dass man, wenn diese Party irgendwann doch vorbeigehen sollte, nicht allein in den Schlafsack kriecht, auf dem Flur, auf dem Parkett, zwischen dem Schuhregal und der Toilettentür. Süßer Vogel Jugend! Bitte halt nun den Schnabel, der alte Mann von nebenan muss in drei Stunden zur Arbeit gehen. Die Schatten der Nacht, die sich tanzend und rangelnd und knutschend abzeichneten vor dem Mondhimmel, sie zeigen im ersten Licht des Dienstagmorgens ihre Gesichter: Sie sind Kinder noch, kann man ihnen böse sein? Ihnen die Polizei auf den Hals hetzen? Nein. Man steht auf und kocht sich einen Kaffee, geht auf den Balkon hinaus in den beginnenden Tag und will ihn grüßen, vielleicht den wahnsinnig jungen Menschen etwas Freundliches zurufen. Feiert eure Jugend. Es ist okay. Dann tritt man barfuß in die Kotze.

Du musst das doch verstehen, Udo

U-Bahnhof Hallesches Tor, an einem Dienstagabend Anfang Januar. Auf einer Bank hält eine Gruppe von Leuten ihr tägliches Gelage ab, es wird getrunken, geraucht, palavert, man streitet und versöhnt sich im Minutentakt. »Mann, Udo! Echt jetzt mal!«, zetert eine Frau in Tigerleggins, sie rudert wild mit den Armen, eine Flasche Bier in der einen, eine Kippe in der anderen Hand. »Wenn du das noch mal machst, ist unsere Freundschaft vorbei, das sag ich dir ganz ehrlich. Neee, neee, neee! Das geht gar nicht, Udo! Da brauchst du jetzt gar nicht zu gucken wie so’n Dackel. Ich hab meine Prinzipien. Und da bin ganz rigoros. Einmal noch – und aus! Vorbei! Finito! Hast du das kapiert? Ob du das kapiert hast!« Udo steht nun von der Bank auf, fällt aber sofort wieder zurück und versucht dann im Sitzen, die Frau auf Hüfthöhe zu umarmen, die weist ihn zurück: »Lass mich! Ich will erst, dass du mir das versprichst: Ich, Udo, mache das nie wieder. Versprich es mir!« Udo lallt etwas Unverständliches, das sich alsbald in ein hochtönendes Gewinsel verwandelt. »Mann, Udo! Jetzt heul nicht auch noch!«, ruft die Frau und dann, zu den anderen gewandt: »Jetzt heult der!« Die anderen raunen etwas, wie der Chor in einer griechischen Tragödie. »Zurückbleiben, bitte!« sagt die Maschinenstimme aus der U6. Udo versucht noch einmal aufzustehen und scheitert erneut, er sackt in sich zusammen und schluchzt. »Du musst das doch verstehen, Udo«, sagt die Frau jetzt deutlich milder. »Wir haben hier genug Ärger mit der BVG. Da kannst du dich doch nicht auf den Bahnsteig stellen und die Hose runterlassen. Niemand will deinen Arsch sehen, Udo!« Und dann, nach einer Pause, sagt sie: »Wieder Freunde?« Udo nickt.

Wir suchen das Tanzen, Annelie, weine nicht

Ein Tumult an der Tramstation Warschauer Straße, an einem Montag gegen 15 Uhr. Ein Brückenpunk und ein Weißhaariger rempeln einander, und beide rufen sie nach der Polizei, der Punk sogar noch lauter. Man will schlichten, zumal der Weißhaarige recht hinfällig ist, da sieht man etwas abseits ein pummeliges Mädchen stehen, das weint und zittert. Es stellt sich nun heraus, dass die Männer ihm helfen wollen, doch eben gegeneinander und derart aggressiv, dass es sich ängstigt. Warum muss ihm denn geholfen werden? Es wirkt verloren hier, mit dem Riesentornister, der rosaschmutzigen Daunenjacke und der beschlagenen Brille. Als das Schluchzen abklingt, kann das Mädchen seinen Namen sagen: Annelie. Sie kommt aus Marzahn. Hallo, Annelie aus Marzahn, was ist geschehen? Auf dem Weg von der Schule zum Tanzen hat sie sich verlaufen, verfahren und dann ganz und gar verloren. Kein Handy, kein Zettel mit Mamas Nummer, ein Schlüsselkind ohne Schlüssel, und wo das Tanzen stattfindet, das weiß sie nicht mehr ganz genau. Aber sie muss da hin, unbedingt, morgen ist doch die große Aufführung, und sie kann es noch nicht so gut. Jetzt weint sie wieder. Wir suchen das Tanzen, Annelie, weine nicht. Also fährt man mit ihr in der Tram den Weg zurück, den sie gekommen sein könnte. Kommt dir diese Station bekannt vor, Annelie? Die auch? Und die? Sie nickt und nickt, dann nickt sie nicht mehr, und man ist mit ihr verloren, irgendwo in Lichtenberg, es wird dunkel, und das Tanzen ist längst vorbei. Die Aufführung wird trotzdem toll, sagt man, meinst du wirklich, fragt Annelie und guckt durch die beschlagene Brille. Ja, na klar. Komm, ich bring dich nach Hause, nach Marzahn. Ok, sagt Annelie, dann zeig ich dir noch, wie ich immer balanciere auf der Betonwand vor unserem Haus. Du bist nett.

Und wie geht es dir?

U-Bahn-Station Warschauer Straße in Friedrichshain, an einem Mittwoch um 18 Uhr. Ein kleiner Mann mit schwarzem Hut, schwarzer Lederjacke, schwarzer Sonnenbrille und schwarzem Bart, ein kleiner Mann also ganz in Schwarz bahnt sich seinen Weg durch die bunte Masse, die der Zug aus der Gegenrichtung ausgespuckt hat. Er läuft sehr rasch den Bahnsteig entlang, rempelt aber niemanden, bleibt nirgends hängen, strauchelt nicht, vielmehr stößt er die Menschen ab wie ein negativer Pol den anderen. Selbst ein Auto, so scheint es, würde jetzt an ihm abprallen. Schließlich besteigt er das Abteil ganz vorne hinter dem Triebwagen, wo nur wenige andere Passagiere sitzen, lässt sich in einer Ecke nieder und lächelt. Ein eigentümlich versiegeltes Lächeln flackert da schwach aus seinem schwarzen Bart, unter seiner schwarzen Sonnenbrille und seinem schwarzen Hut. Ein Lächeln nur für ihn selbst, ein Geschenk, das er sich macht an diesem Mittwoch um 18 Uhr. Dann schüttelt er den Kopf, schüttelt den Kopf und lächelt. »Wie kann man nur so schlecht gelaunt gucken?«, fragt er einen Büromenschen, der ihm schräg gegenübersitzt und die Aktentasche umklammert hält. »Wie bitte?«, fragt der Büromensch erschrocken. »Warum bist du so schlecht drauf, mein Freund?«, fragt der Mann in Schwarz und klingt ganz so, als wäre er das Gewissen des Büromenschen. »Ach, ich bin nur müde«, sagt der Büromensch und ist plötzlich ganz weich. »Aber sonst geht es mir gut. Und wie geht es dir?« Ein Moment wundersamer Zärtlichkeit in der U1 in Richtung Theodor-Heuss-Platz. »Ich versuche, auf den Beinen zu bleiben«, sagt der Mann in Schwarz. »Ich habe mein Kind verloren.« Der Büromensch schnappt nach Luft, er ringt um Worte, doch er schweigt. Bis zum Kottbusser Tor ist sein Schweigen zu hören, das das Rattern der Bahn übertönt. Dann steht er auf, und im Vorbeigehen legt er dem Mann in Schwarz die Hand auf die Schulter. Der nimmt seine Sonnenbrille ab. Er weint.

Das hat sie jetzt davon

Im Kreuzberger Wrangelkiez, am späten Donnerstagabend. Willkommen am Ballermann Berlins. Aber man ist ja gewarnt worden: »Attention! You are entering the tourism sector!«, hat jemand am Schlesischen Tor in dicken schwarzen Strichen an die Stahlträger des Hochgleises gepinselt. Es ist der Ort, an dem die Rollkoffermenschen das Wilde, Ungeschlachte dieser Stadt suchen und doch nur Ihresgleichen finden. Hinfort gentrifiziert sind die Kiezkneipen und ihre Insassen. Sie husten ihr Sputum jetzt auf das Pflaster außerhalb des Rings, in Rudow, Treptow, Lichtenrade. Berlin hat sein eigenes Zentrum längst preisgegeben. Dort schlägt nun ein fremdes Herz in einem Takt, der auch Fans von Helene Fischer schunkeln lässt. In den indischen Restaurants, die sich in der Schlesischen Straße aneinander reihen, sitzen ortsfremde Niedersachsen unter der Markise. Vater und Mutter in Dreiviertelhosen, die Kinder in Klamotten, aus denen noch das Preisschild hängt. Ihr Blick wandert zwischen dem Chicken-Curry, das soviel exotischer schmeckt als alles daheim in Gifhorn, und dem Gehsteig hin und her, sie schwitzen. Bizarr ist es allemal, was sie für ihr Eintrittsgeld zu sehen bekommen: Katalonische Rastafari, britische Kampftrinker, japanische Selfiestangenträger und ein Pfandflaschensammler, der wohl selbst nicht mehr weiß, woher er einst kam und wo er sich genau befindet. Sie halten es für Berlin, und wenn sie den Daheimgebliebenen davon erzählen, ihnen die verschwommenen Handyfotos zeigen, dann werden sie das Wort »Schmelztiegel« verwenden. Verrückt war es, aber auch sehr schön. Mal abgesehen von der Frau, die auf der Parkbank in der Falckensteinstraße Marihuana raucht und jeden beschimpft, der vorbeiläuft. Sie nimmt es offenbar persönlich, dass man ihr Kreuzberg weggenommen hat. Zwei juvenilen Vollbartträger, die verträumt ein Eis schlecken, brüllt sie »Ihr halbschwulen Berghainis!« hinterher. »Ihr kotzt mich an!« Die beiden beschleunigen panisch ihre Schritte, als hätte man auf sie geschossen, bloß weg von diesem wilden, ungeschlachten Berlin und den gefährlichen Hexen, die es bewohnen. »Scheiß Touristen!«, ruft die Frau. »Ihr haltet das hier für eine Performance! Aber es ist die Wahrheit, hört Ihr? Die beschissene Wahrheit! Ihr kotzt mich alle an!« Es ändert nichts. Die ortsfremdem Niedersachsen bestellen einen Nachtisch, die britischen Kampftrinker urinieren in einen Hauseingang, die katalonischen Rastafari spielen Gitarre auf der Parkbank, wo eben noch die Hexe gesessen und geschimpft hat. Wohin mag sie verschwunden sein? Nach Rudow, Treptow, Lichtenrade? Ein Rettungswagen steht nun plötzlich in der Falckensteinstraße, das Blaulicht flackert unter den Markisen. »Das hat sie jetzt davon«, sagt ein Schaulustiger. »Die ist doch nicht ganz dicht.«

Und du hast jetzt Angst!

Die Reichenberger Straße in Kreuzberg, an einem späten Mittwochnachmittag im Mai. Die schreiend bunte Außenwerbung des Wettbüros an der Ecke zeigt das Meer der Möglichkeiten: Ein Traumschiff segelt an einer riesigen Espressotasse vorüber, einer Insel aus Wolkenkratzern entgegen, an deren Strand ein verschlagener Schimpanse im Hawaiihemd mit Dollarnoten wedelt. Auf den ersten Blick das Werk eines wahnsinnig gewordenen Gebrauchsgrafikers, auf den zweiten ein Zerrspiegel des Lebens hier im Kiez: Gegenüber fährt ein ehemals berühmter Musikansager mit seinem froschgrünen Porsche im Aufzug direkt in seine Wohnung, die Scheiben des sogenannten Car-Lofts sind eingeschlagen, gekittet und wieder eingeschlagen worden. Das Geschäft im Erdgeschoss, das Wellnessprodukte für den eleganten Hund anbot, steht seit dem Winter leer, im Café daneben schauen Designstudenten irgendwie bedeutsam drein und wissen nicht genau, warum. Aus dem Görlitzer Park vertriebene Drogendealer kreisen auf Damenrädern um den Block, sie zischen die Passanten an, geheimes Zeichen eines Deals, der nur dann und wann zustande kommt. Ein ausgeweideter Fernseher steht »zum Mitnehmen« am Baum, am Heck des treu vor sich hin tuckernden Müllwagens hängt ein Kirmesteddy, der von ferne aussieht wie Klaus Wowereit, schon lange außer Dienst. Ein Mietwagen mit offenem Verdeck rast scheinbar fahrerlos vorbei, dem Horizont entgegen, der dort hinten, hinter dem Landwehrkanal, ja schließlich irgendwo liegen muss. Und durch all das tanzen die Kinder aus den Tagesstätten, die zu Stunde ihre Pforten schließen, wie freigelassene Welpen, täppisch zwar, aber umso fröhlicher. Eines hat auf dem Gehsteig eine Scherbe gefunden und spielt mit ihr, ein anderes saugt an einem weggeworfenen Strohhalm, die Sonne scheint, da sie keine Wahl hat, auf sie hinab. Eine Geisterbahn, am helllichten Kreuzberger Tag, der Eintritt ist wie immer frei. »Ich bin ein Werwolf, und du hast jetzt Angst!«, ruft jetzt ein Mädchen seiner Mutter zu. »Ich kann erst zu Hause Angst haben«, sagt die Mutter. »Hier sind mir zu viele Autos.«