Blut überall, auf den Flaschen

Kreuzberg. Samstagabend in einem Supermarkt am Mehringplatz. Es ist die halbe Stunde kurz vor Geschäftsschluss, da die Alleinstehenden einkaufen. Junge Kunstschaffende, soeben aus den umliegenden Ateliers geeilt, um noch schnell Toastbrot, leichte Margarine und eine Südfrucht für das Frühstück am Sonntag zu besorgen, das sie erst am Montag einnehmen werden, wie sie jetzt schon wissen. Entsprechend halbherzig der Einkauf, schlecht kaschiert von einem aufs Kassenband geschmissenen Strauß neonfarbener Tulpen. Und dann sind da noch die sehr Alleinstehenden: die Pfandflaschensammler, die jetzt, kurz vor knapp, ihre Wochenernte in reißenden Säcken die Regalgänge entlang zerren. Dem einen, einem schnaufenden Mann in steifer Jeansjacke, sind vorm Automaten gleich mehrere Flaschen zu Boden gefallen, aus der stinkenden Restbierpfütze klaubt er die Scherben und schneidet sich dabei die Handflächen auf. Blut überall, auf den Flaschen, dem Automaten, dem Aufsteller, in dem die Gewürze alphabetisch geordnet sind. Nun betrachtet er seine Hand, als wäre es nicht seine. »Wir brauchen einen Verbandskasten!«, ruft ein herbeigeeilter Kunstschaffender, der Flaschensammler scheint die Blutstropfen zu zählen. Hinter der Stahltür, im Lagerraum, in dem ein Zettel mit der Warnung hängt, jeder Mitarbeiter, der die Ordnung nicht halte, müsse mit sofortiger Abmahnung rechnen, taucht ein Kassierer auf und verschwindet wieder. Der Marktleiter tut dasselbe. »Einen Verbandskasten«, ruft der Kunstschaffende. »Schnell!« Eine alte Frau schiebt ihren Einkaufswagen, in dem eine Dose Fondor liegt, durch die sich vergrößernde Blutlache und malt eine rote Doppelspur auf die Fliesen bei den Kartoffelchips. Der Kassierer und der Marktleiter lugen aus dem Lagerraum wie scheue Eichhörnchen. Sie können kein Blut sehen, aber sie wollen es offenbar auch nicht verpassen. Einen Verbandskasten bringen sie nicht. Der Flaschensammler verlässt, die Hand mit mehreren Lagen Toilettenpapier umwickelt, den Supermarkt, in dem die Alleinstehenden und die sehr Alleinstehenden einkaufen, an diesem Samstagabend am Mehringplatz.

HDGDL

Friedrichshain, am Comeniusplatz, an einem Dienstag zur Mittagszeit. Der Berliner Frühling will es jetzt wirklich wissen: Auf dem Gehsteig Ecke Gubener Straße liegt bereits eine tote Hummel, die Blumenzwiebeln, die die Stadtgärtner in die Kübel gedrückt haben, treiben endlich aus der grauen Erde und balancieren Zigarettenkippen auf der Sprossachse, die ersten Tische stehen draußen. Dürfen wir uns setzen? Moment. Der Kellner kommt herbeigetrottet und rasselt die Verschlusskette aus der Biergarnitur. Wer klaut die bloß, wenn man sie nicht sichert? Es gibt ja Menschen, die gibt es gar nicht. Darf es schon was zu trinken sein? Noch nicht, wir gucken erst mal. Zwei Tische weiter sitzt allein ein gereifter Herr, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, die Sonnenbrille ins noch volle Haar geschoben wie Lothar Matthäus, und schaut auf sein Mobiltelefon. Schaut und schaut. Das muss ja eine lange SMS sein, die er da erhalten hat. Oder sie ist so schön, dass er sie mehrmals liest. Ein Gruß der geliebten Tochter aus einem anderen Frühling, aus einer anderen Stadt? HDGDL. Auf dem Spielplatz kreischen die Schaukelkinder, die Zeit, sie vergeht ja so schnell. Man schaut nur kurz aufs Telefon, und schon ist es Sommer geworden, dann Herbst, Winter, wieder Frühling, neue Hummeln sind gestorben, neue Blumenzwiebeln in die Kübel gedrückt worden, nur die Tische sind jedes Jahr die alten. Einen Kaffee bitte, aber bitte lassen Sie den Keks weg, danke sehr. Der gereifte Herr schaut noch immer auf sein Telefon. Er drückt keine Taste, er wischt nicht über den Bildschirm, schaut nur und schaut. Er lächelt, die Vögel zwitschern entschlossen. Dank moderner Technik ruft ihn jetzt auch, wenn er unterwegs ist, niemand an.