Mädchenschrift

An einem Dienstagmittag Anfang Januar, am Rande eines Friedhofs in Friedrichshain. Die Trauergemeinde macht sich auf den Weg zum Leichenschmaus. Greise stützen einander, zwei müssen im Rollstuhl geschoben werden, es geht nur sehr langsam voran. Worüber sie wohl sprechen? Über den alten Freund, der fortan fehlt in dieser Gruppe, den Bruder, den Vetter? Darüber, dass die Begräbnisse dichter und dichter kommen, wie die Straßenschilder, wenn man sich einer Stadt nähert? Einer von ihnen wirkt etwas jünger, aber wohl nur deshalb, weil er statt eines schwarzen einen dunkelblauen Anzug trägt. Auch er scheut zurück vor dem geradezu unendlichen Verkehr, der in diesem Augenblick über die Straße geht. Erstaunlich, dass es nicht regnet. So können sie sich wenigstens auf ihre Schirme stützen. Schließlich bremst ein Volkswagen, der Fahrer winkt, die Greise überqueren die Fahrbahn wie eine Herde lahmender Schafe. Auf der anderen Seite, vor dem Schaufenster eines Sanitärfachgeschäfts, mit Blick auf Badewannen, verschnaufen sie. Dann, fünf Minuten später und zehn Meter weiter, weist ihnen eine Schiefertafel den Weg ins Gasthaus. Ein Pfeil ist darauf gemalt und ein Name, es wird der des Verstorbenen sein: Meier. Mit Kreide geschrieben in geschwungenen Lettern, offenbar von einer jungen Frau, einer Kellnerin. Und der I-Punkt, er sieht aus wie ein gebrochenes Herz.

Eine Bühne für sie

Ein Bistro in Kreuzberg, abends gegen sieben. Viel los ist hier nicht, drei Gäste an zwei Tischen. Und das ist, wie wir bemerken werden, angesichts der sagenhaften Bocklosigkeit der Kellnerin wohl besser so. Sie erwidert den guten Abend nicht, den wir ihr wünschen, ihr Blick sagt, dass sie uns etwas übel nimmt. Doch was? Was ist mit ihr? Das, was sie tun soll, kann sie nicht, will sie nicht, aus einem nur ihr bekannten Grund. Tiefe Verachtung geht von ihr aus, die Speisekarten haut sie uns hin wie ein von ihr unterschriebenes Todesurteil. Die Pasta für den anderen Tisch dampft in der Durchreiche, doch sie muss jetzt erst mal raus hier, aus dieser Hölle der Essenwollenden, eine rauchen. Das erlaubt es uns, dieses finstere Mädchen durch die Fensterscheibe zu beobachten. Die einstudierte Art, wie sie die Zigarette hält, den Qualm ausatmet, in eine unsichtbare Sonne blickt, ja: raucht, ohne eigentlich zu rauchen – und recht bald wissen wir: Sie ist im Begriff, Schauspielerin zu werden! Und all das hier, die dreckigen Tische, das läppische Trinkgeld, dieser Job, ist nur eine Verzögerung ihres Durchbruchs, eine Hänselei des Schicksals, eine Prüfung. Und sobald wir begriffen haben, dass dieses Bistro eine Bühne für sie ist und wir die Statisten sind in einem Einpersonenstück, sehen wir in ihr nicht mehr die bocklose Kellnerin, sondern einen Star von übermorgen, in ihrem Blick nicht mehr Verachtung, sondern die Begabung zum monumentalen Weltschmerz, und in unserem Hunger einen Tribut, den wir der Kunst zollen. Doch was, wenn nun tatsächlich ein Regisseur hineinkommen und ihr eine Rolle anbieten würde – als Kellnerin in seinem nächsten Film? Das würde nicht klappen. Denn sie ist ja Schauspielerin, keine Kellnerin. Und die Pasta in der Durchreiche längst kalt.

Wenn nichts passiert

An einem späten Nachmittag in einem Zeitungskiosk in Neukölln. Es riecht nach zu heißem Schnellgericht und zu kaltem Rauch. Nicht sehr gut also und nicht sehr lange möchte man deswegen bleiben, bloß schnell das Nötigste einkaufen. Doch der kleine Junge, der gerade eben lesen kann, steht wie hypnotisiert vor dem Regal mit den Magazinen. »Kommst du, bitte?« – »Nein.« Er kann jetzt hier nicht weg, es gilt ein großes Problem zu lösen. Denn auf dem Titelblatt einer Zeitschrift wird ein philosophischer Aufsatz wie folgt beworben: »Was passiert, wenn nichts passiert?« Allemal eine gute Frage, denkt man selbst bei sich, tatenlos hinter dem kleinen Jungen stehend, Schnellgericht- und Nikotingestank inhalierend. »Du, wir müssen weiter!« – »Gleich.« Seine Lippen bewegen sich lautlos, während er die Frage wieder und wieder liest und sie allmählich begreift. Schließlich ist es, als schwebte der Lichthof eines heiligen Ernstes über seinem blonden Köpfchen. Er denkt nach, brütet, geht in sich, immer tiefer, das Weltwissen eines Sechsjährigen durchmessend. Minuten vergehen. Stunden vielleicht? Was passiert, wenn nichts passiert? Dann muss etwas passieren! Nämlich: »Dann hängen sich Omas schöne Ketten um!«, verkündet der kleine Junge, als wäre dies und nur dies wahr, wendet sich zum Ausgang und sagt: »So. Jetzt können wir los.« Er geht voran, man selbst hinterher. Überallhin wohl würde man ihm folgen.

Über ihm der Himmel über Berlin

Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres. Irgendwo in den Häuserschluchten zwischen Friedrich- und Wilhelmstraße erbricht sich ein Mann. Steht er im verlassenen Parkhaus? Hinterm Bolzplatz? Auf der Hundewiese? Sein Husten, Würgen, Spucken, Stöhnen dringt hinauf zu den Balkonen ringsum, auf denen die Menschen sitzen und von etwas Schönem träumen wollen, es kommt näher, entfernt sich, kommt wieder näher, hört nicht auf. Es ist, als ginge der Mann kotzend spazieren. Gefällt ihm dieses Kreuzberg etwa nicht? Nun hat er die Büsche des Theodor-Wolff-Parks erreicht, hustet, würgt, spuckt, stöhnt, über ihm der Himmel über Berlin. In der Stille danach hört man die Menschen auf ihren Balkonen hinunter lauschen: Geht das noch weiter? Wie oft kann ein Mensch sich übergeben? Wann können sie das Träumen endlich wieder aufnehmen? Und wo waren sie stehen geblieben? Dann taucht der Mann zwischen Altglascontainern in der Franz-Klühs-Straße auf. Sich anlehnend, hustet, würgt er ein letztes Mal, sein Sputum klatscht auf den Asphalt. Endlich hat der Krampf sich gelöst, der Mann schüttelt seine Glieder, überprüft seine Garderobe, eine neue Kraft fährt in ihn, er hat, was immer ihn plagte, offenbar überstanden. Sich zu seiner wahren Gestalt erhebend, überquert er die Straße. Unter dem Vordach des Supermarkts, im Schein schmutziger Lampen, wartet eine Frau. Als sie den Mann auf sich zukommen sieht, öffnet sie die Arme, er schlüpft hinein. Sie küssen sich. Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres.

Nun komm doch

Ein Park in Kreuzberg, zwischen Oranien- und Alter Jakobstraße. Waldeck, der Namensgeber, ein Linksliberaler aus dem 19. Jahrhundert, ist längst vergessen. Und so sucht der Unwissende in diesem Eck nach dem Wald, den der Park zu versprechen scheint. Vergeblich: Nur zehn, zwölf Bäume stehen hier herum. Ungeduldig werfen sie ihre Schatten auf irgendwelche Dahergelaufenen, die auf den M29 warten, ganz so, als würden diese Bäume selbst gern in den Bus steigen, nur fort von hier, am besten in einen Wald, den es wirklich gibt. Kein Zweifel: Wer im Waldeckpark spazieren geht, der kann nicht anders. So wie die alte Frau am Mittwochmorgen dieser Woche. Sie steht in Puschen an einem quadratischen Beet, in dem ihr Dackel an einer Rose schnüffelt. Er sieht glücklich aus, die alte Dame jedoch nicht. Sie schaut auf das Beet und auf die Rosen und auf ihren Dackel und doch durch all das hindurch in einen Abgrund. In den Tod etwa? Wie lange hat sie noch? Wird der Dackel sie überleben? Und was wird dann aus ihm? Sie macht einen Schritt fort von diesem Gedanken und von dem Beet. Doch der Dackel will ihr nicht folgen, er schnüffelt jetzt noch glücklicher an seiner Rose. Die alte Dame wartet, macht dann noch einen Schritt. Der Dackel aber bleibt im Beet. Dann ruft sie ihn, gar nicht streng, vielmehr sehnsüchtig, sie ruft ihn bei seinem Namen: »Papi!« Und noch einmal. »Papi!«, schallt es durch den Waldeckpark. »Papi, nun komm doch! Papi!« Wir bleiben nicht lang genug an diesem Ort, um zu sehen, ob Papi der alten Dame schließlich folgt. Denn da kommt ja auch schon der M29 und bringt uns fort von hier.

Selbst dazu zu heiß

An einem Samstagnachmittag, in der Nähe des Checkpoint Charlie, die Sonne schreit vom Himmel. Hier also soll sich einst die Sollbruchstelle der Welt befunden haben, hier hätte sie in Scherben gehen können. Panzer, Stacheldraht, Schießbefehl. Oder war all das nur ein Witz? Sie lachen darüber, die Touristen, lassen sich mit als Grenzsoldaten verkleideten Studenten fotografieren, essen Rosinenschnecken bei Kamps und erbrechen sich aus dem Bier-Bike auf den Todesstreifen. Heute aber ist es selbst dazu zu heiß, die Straßen sind beinah leer. Ein Souvenirhändler hat Schatten unter dem Schirm eines Cafés gefunden. Aus seinen immer wieder zufallenden Augen bewacht er seinen Bauchladen, den er an ein Straßenschild gelehnt hat. Da biegt um die Ecke Schützenstraße/Friedrichstraße eine spanische Familie, Vater, Mutter, zwei Söhne. Sie alle sind schweißnass. Gleichwohl interessieren sie sich für das Pelzmützensortiment des Souvenirhändlers, Restbestände der Roten Armee, echt oder unecht, wen kümmert das hier. Der nun hellwache Souvenirhändler hält dem Vater diverse Modelle hin. Der Mann setzt eine nach der anderen auf seinen triefenden Kopf, einer der Söhne berät ihn, der andere befühlt etwas abseits seine Igelfrisur, wie es der Mutter bei all dem geht, ist wegen ihrer riesigen Sonnenbrille nicht zu erkennen. Die Wahl des Vaters fällt schließlich auf eine Uschanka mit Ohrenklappen, ein roter Stern prangt auf der Stirnseite. Er ist überglücklich, mustert sein Spiegelbild im Schaufenster, dann zahlt er mit einem großen Schein. Sich zum Gehen wendend, macht er, der Spanier, mit seiner neuen sowjetischen Pelzmütze auf dem Kopf den Hitlergruß. Der Souvenirhändler lächelt. Die Sonne schreit vom Himmel. Hier hätte die Welt in Scherben gehen können.

Es sei zum Verzweifeln

Auf einem Friedhof in Kreuzberg, an einem Sonntag gegen 18 Uhr. Die Spatzen, die sich hier im Staub baden, wissen so gar nichts vom Tod. Lächeln sie etwa? Für einen kurzen Augenblickt sieht es so aus. Der Sonne, die noch immer auf den Gottesacker brennt, ist ohnehin alles gleichgültig. In den Fichten hält sich der Schatten versteckt. Im Mittelgang, am Wasserhahn, steht ein Frau. Sie habe die Stiefmütterchen doch heute Morgen erst gegossen, sagt sie zum Vorbeigehenden, die zinnerne Gießkanne füllend. Doch jetzt, am Abend, ließen sie schon wieder die Köpfe hängen. Soviel könne sie ja gar nicht gießen, es sei zum Verzweifeln, einfach zum Verzweifeln. Der Wasserhahn quietscht, als sie ihn wieder zudreht, die Spatzen schrecken auf, hüpfen aus ihrem Staubbad, fliegen aber nicht davon. Die Gießkanne ist nur halb voll. Mehr schaffe sie nicht zu tragen, sagt die Frau. Kann man helfen? Nein, nein, sie gehe gern mehrmals, sie habe ja jetzt viel Zeit. Lächelt sie etwa? Für einen kurzen Augenblick sieht es so aus. Sie hebt die Gießkanne an. Den Mittelgang hinunter, Richtung Pforte, liegt ihr Mann begraben. Sie gießt die Stiefmütterchen mit den hängenden Köpfen. Die Buchstaben auf dem Grabstein sind noch weiß. Neben einem jungen Rhododendron liegt eine Tonscherbe mit der Aufschrift DU FEHLST. Was wir brauchen, sagt die Frau, ist Regen.