Selbst dazu zu heiß

An einem Samstagnachmittag, in der Nähe des Checkpoint Charlie, die Sonne schreit vom Himmel. Hier also soll sich einst die Sollbruchstelle der Welt befunden haben, hier hätte sie in Scherben gehen können. Panzer, Stacheldraht, Schießbefehl. Oder war all das nur ein Witz? Sie lachen darüber, die Touristen, lassen sich mit als Grenzsoldaten verkleideten Studenten fotografieren, essen Rosinenschnecken bei Kamps und erbrechen sich aus dem Bier-Bike auf den Todesstreifen. Heute aber ist es selbst dazu zu heiß, die Straßen sind beinah leer. Ein Souvenirhändler hat Schatten unter dem Schirm eines Cafés gefunden. Aus seinen immer wieder zufallenden Augen bewacht er seinen Bauchladen, den er an ein Straßenschild gelehnt hat. Da biegt um die Ecke Schützenstraße/Friedrichstraße eine spanische Familie, Vater, Mutter, zwei Söhne. Sie alle sind schweißnass. Gleichwohl interessieren sie sich für das Pelzmützensortiment des Souvenirhändlers, Restbestände der Roten Armee, echt oder unecht, wen kümmert das hier. Der nun hellwache Souvenirhändler hält dem Vater diverse Modelle hin. Der Mann setzt eine nach der anderen auf seinen triefenden Kopf, einer der Söhne berät ihn, der andere befühlt etwas abseits seine Igelfrisur, wie es der Mutter bei all dem geht, ist wegen ihrer riesigen Sonnenbrille nicht zu erkennen. Die Wahl des Vaters fällt schließlich auf eine Uschanka mit Ohrenklappen, ein roter Stern prangt auf der Stirnseite. Er ist überglücklich, mustert sein Spiegelbild im Schaufenster, dann zahlt er mit einem großen Schein. Sich zum Gehen wendend, macht er, der Spanier, mit seiner neuen sowjetischen Pelzmütze auf dem Kopf den Hitlergruß. Der Souvenirhändler lächelt. Die Sonne schreit vom Himmel. Hier hätte die Welt in Scherben gehen können.