HDGDL

Friedrichshain, am Comeniusplatz, an einem Dienstag zur Mittagszeit. Der Berliner Frühling will es jetzt wirklich wissen: Auf dem Gehsteig Ecke Gubener Straße liegt bereits eine tote Hummel, die Blumenzwiebeln, die die Stadtgärtner in die Kübel gedrückt haben, treiben endlich aus der grauen Erde und balancieren Zigarettenkippen auf der Sprossachse, die ersten Tische stehen draußen. Dürfen wir uns setzen? Moment. Der Kellner kommt herbeigetrottet und rasselt die Verschlusskette aus der Biergarnitur. Wer klaut die bloß, wenn man sie nicht sichert? Es gibt ja Menschen, die gibt es gar nicht. Darf es schon was zu trinken sein? Noch nicht, wir gucken erst mal. Zwei Tische weiter sitzt allein ein gereifter Herr, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, die Sonnenbrille ins noch volle Haar geschoben wie Lothar Matthäus, und schaut auf sein Mobiltelefon. Schaut und schaut. Das muss ja eine lange SMS sein, die er da erhalten hat. Oder sie ist so schön, dass er sie mehrmals liest. Ein Gruß der geliebten Tochter aus einem anderen Frühling, aus einer anderen Stadt? HDGDL. Auf dem Spielplatz kreischen die Schaukelkinder, die Zeit, sie vergeht ja so schnell. Man schaut nur kurz aufs Telefon, und schon ist es Sommer geworden, dann Herbst, Winter, wieder Frühling, neue Hummeln sind gestorben, neue Blumenzwiebeln in die Kübel gedrückt worden, nur die Tische sind jedes Jahr die alten. Einen Kaffee bitte, aber bitte lassen Sie den Keks weg, danke sehr. Der gereifte Herr schaut noch immer auf sein Telefon. Er drückt keine Taste, er wischt nicht über den Bildschirm, schaut nur und schaut. Er lächelt, die Vögel zwitschern entschlossen. Dank moderner Technik ruft ihn jetzt auch, wenn er unterwegs ist, niemand an.

Ball der einsamen Hirne

Kreuzberg, drei Tage nachdem das alte Jahr verstorben ist. An einem Bauzaun hinter der Bundesdruckerei hängt schief ein neonfarbenes Plakat: „Ü30-Party“, steht darauf – und: „Fetenhits!“ Auch in Zukunft gilt also: Berlin ist überall seine eigene Vorstadt. Ein Twingo kommt in verkehrter Richtung aus der Einbahnstraße und prescht durch den papiernen Raketenmatsch. Am Rückspiegel baumelt ein Würfel aus Plüsch. Ü30-Party, Fetenhits. Wegen des großen Erfolgs im Partyzelt diesmal im: Admiralspalast. Wurde dorthin nicht mal anders eingeladen als auf neonfarbenen Plakaten? Zu anderen Anlässen als zu Polonäsen Anschlusssuchender? Was sagen die Ü80-Menschen dazu? Nichts: Sie haben sich noch in ihren Bauten verschanzt, aus Angst vor den Bomben an Silvester, und weinen in ihre Konserven. Raketenmatsch und Fetenhits. Als wäre Berlin eine Dorfdisco. Ist Berlin eine Dorfdisco? Willkommen zum Ball der einsamen Hirne: Der Cousin aus Westdeutschland fährt auf dem Bierbike durch die Nacht. Wo ist sein Mallorca-Hut? Ein Junggesellenabschied hechtet geschlossen in die Bowle. So jung kommen wir nicht mehr zusammen, wie hier, auf der Ü30-Party. Wir brauchen noch mehr Fetenhits. „Kommst du mit?“, schreit das neonfarbene Plakat, an einem Bauzaun hinter der Bundesdruckerei den Fahrradfahrer an. Drei Tage nachdem das alte Jahr verstorben ist. „Kommst du jetzt mit, oder was?“ Nein, danke. Ich gehe 2015 mal etwas eher ins Bett.

Mutmaßlich aus Salzgitter

Eine Bar im Wrangelkiez, nachts um halb zwei. Uhrzeit, Pegel und Außentemperatur erlauben es, dass man sich für einen kostbaren Augenblick fühlt wie Leonard Coen in der Clinton Street an einem Dezembertag im New York der späten Sechziger. Jedenfalls so, wie man sich das gern vorstellt. Und wenn man bald, nicht allzu bald, nach Hause ginge, die Skalitzer Straße hinunter, würde es nach Schnee riechen und still sein, ganz still. O herrliche Betrunkenheit. Doch dann das: Zwei mitteljunge Damen, mutmaßlich aus Salzgitter, wollen noch was trinken. Oder wie sie sagen: »schön noch was trinken«. Und obwohl die Bar fast leer ist, drehen sie sich auf der Suche nach einem freien Platz lange und umständlich im Kreis, an ihren Rucksäcken schaukeln die Diddlmäuse. »Da?«, fragt die eine. »Oder doch da, am Fenster?« – »Wie du willst!«, sagt die andere. Darauf die eine: »Wie DU willst!« Und so geht es weiter, lange, umständlich, salzgitterisch, bis man wieder nüchtern ist und alles dahin. Der Barkeeper trocknet derweil die Gläser und scheint nichts zu empfinden. Aber als die Damen sich endlich für einen Tisch entschieden haben und soeben ihre Rucksäcke abstreifen wollen, ruft er ihnen vom Tresen zu: »Claudia! Jennifer! Der Inder, den ihr sucht, ist nebenan!« Eine schwer zu schätzende Anzahl von Sekunden vergeht, dann haben die Damen das Lokal verlassen. Ein kalter Luftzug. Es riecht nach Schnee. Ein Schluck aus dem Glas. O herrliche Betrunkenheit.

Jeden Tag zwei Gramm

Der Mehringkiez in Kreuzberg: Habitat körperbewusster junger Männer. Das Bodybuilding – oder »Pumpen«, wie sie es gemeinhin nennen – gehört hier zur Adoleszenz. Sie wachsen nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite. Nicht selten geht Letzteres sogar bedeutend schneller: Als aufmerksamer Nachbar kann man regelrecht zusehen, wie sich kleine Jungs, die eben noch arglos auf dem vermüllten Spielplatz hinter dem Hochhaus Friedrich-, Ecke Franz-Klühs-Straße Fangen spielten, innerhalb weniger Monate in kolossale Hulks verwandeln, die abends unter den Platanen am Wettbüro ihre Oberarmumfänge vergleichen. Den Wettbewerbsvorteil bringt dabei die richtige Ernährung. Der kundige Pumper weißt: Proteine sind das alles Entscheidende. Faustregel: jeden Tag zwei Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Milch, Pute, Thunfisch sind gut, Gouda, Quark und Hühnchen. Das müssen endlich auch die Mütter begreifen! Denn die meisten Hulks wohnen noch zu Hause, ihr Muskelaufbau ist abhängig vom dortigen Essensangebot. Und so stehen sie mit ihren Müttern kurz vor der Abendbrotzeit in den Fahrstühlen rund um den Mehringplatz, betrachten sich verliebt in den Spiegeln, spannen den Bizeps an und geben nebenbei Anweisungen: »Koch bloß was mit Proteinen heute, Mama!« Und die Mütter, den Rücken zu den Spiegeln, die schweren Einkaufstaschen in den Händen, wissen nicht, was eigentlich passiert ist. Warum müssen die Kinder bloß so schnell erwachsen werden? Und was sind überhaupt Proteine?

Ach. Egal.

Auf der Schillingbrücke. Nicht Friedrichshain, nicht Mitte. Eine Zwischenwelt: Hier stehen morgens die Angler und holen Fische aus der Spree, die tot so traurig aussehen, wie ihr Leben in dem einbetonierten Fluss gewesen sein muss. Werden sie verzehrt? Oder beerdigt? Letzteres wäre tröstlich. All die Vorhängeschlösser am Geländer sollten auch mal tröstlich sein: Symbol ewiger Liebe. Ich dich auch, du. Doch in den Stadtteilen, die diese Brücken verbindet, kann alles, muss nichts. Die Ewigkeit dauert hier drei Wochen. Wer will sich da für immer binden? Lass uns Freunde bleiben. Wer macht sich die Mühe, die Schlösser wieder zu öffnen? »Pull the Plug«, steht an der Mauer. Zieh den Stöpsel. Aus Richtung Mitte kommt jetzt ein Mann angeschlurft, der keine Schuhe trägt. Er hat auch keine Zähne und sagt immerzu: Ach. Ach. Ach. Als wäre all das ein Jammer. Und das ist es ja auch, aber niemand sagt das mehr. Ach. Muss ein Verrückter sein. Holen morgen früh die Angler seine Schuhe aus der Spree? Jetzt überollt ein LKW beinah einen Radfahrer. Dann hupt er zehn Mal. Ach, denkt man selbst. Ach. Oder hat man es auch schon laut gesagt, wie der Verrückte? Ach. Egal.

Mädchenschrift

An einem Dienstagmittag Anfang Januar, am Rande eines Friedhofs in Friedrichshain. Die Trauergemeinde macht sich auf den Weg zum Leichenschmaus. Greise stützen einander, zwei müssen im Rollstuhl geschoben werden, es geht nur sehr langsam voran. Worüber sie wohl sprechen? Über den alten Freund, der fortan fehlt in dieser Gruppe, den Bruder, den Vetter? Darüber, dass die Begräbnisse dichter und dichter kommen, wie die Straßenschilder, wenn man sich einer Stadt nähert? Einer von ihnen wirkt etwas jünger, aber wohl nur deshalb, weil er statt eines schwarzen einen dunkelblauen Anzug trägt. Auch er scheut zurück vor dem geradezu unendlichen Verkehr, der in diesem Augenblick über die Straße geht. Erstaunlich, dass es nicht regnet. So können sie sich wenigstens auf ihre Schirme stützen. Schließlich bremst ein Volkswagen, der Fahrer winkt, die Greise überqueren die Fahrbahn wie eine Herde lahmender Schafe. Auf der anderen Seite, vor dem Schaufenster eines Sanitärfachgeschäfts, mit Blick auf Badewannen, verschnaufen sie. Dann, fünf Minuten später und zehn Meter weiter, weist ihnen eine Schiefertafel den Weg ins Gasthaus. Ein Pfeil ist darauf gemalt und ein Name, es wird der des Verstorbenen sein: Meier. Mit Kreide geschrieben in geschwungenen Lettern, offenbar von einer jungen Frau, einer Kellnerin. Und der I-Punkt, er sieht aus wie ein gebrochenes Herz.

Eine Bühne für sie

Ein Bistro in Kreuzberg, abends gegen sieben. Viel los ist hier nicht, drei Gäste an zwei Tischen. Und das ist, wie wir bemerken werden, angesichts der sagenhaften Bocklosigkeit der Kellnerin wohl besser so. Sie erwidert den guten Abend nicht, den wir ihr wünschen, ihr Blick sagt, dass sie uns etwas übel nimmt. Doch was? Was ist mit ihr? Das, was sie tun soll, kann sie nicht, will sie nicht, aus einem nur ihr bekannten Grund. Tiefe Verachtung geht von ihr aus, die Speisekarten haut sie uns hin wie ein von ihr unterschriebenes Todesurteil. Die Pasta für den anderen Tisch dampft in der Durchreiche, doch sie muss jetzt erst mal raus hier, aus dieser Hölle der Essenwollenden, eine rauchen. Das erlaubt es uns, dieses finstere Mädchen durch die Fensterscheibe zu beobachten. Die einstudierte Art, wie sie die Zigarette hält, den Qualm ausatmet, in eine unsichtbare Sonne blickt, ja: raucht, ohne eigentlich zu rauchen – und recht bald wissen wir: Sie ist im Begriff, Schauspielerin zu werden! Und all das hier, die dreckigen Tische, das läppische Trinkgeld, dieser Job, ist nur eine Verzögerung ihres Durchbruchs, eine Hänselei des Schicksals, eine Prüfung. Und sobald wir begriffen haben, dass dieses Bistro eine Bühne für sie ist und wir die Statisten sind in einem Einpersonenstück, sehen wir in ihr nicht mehr die bocklose Kellnerin, sondern einen Star von übermorgen, in ihrem Blick nicht mehr Verachtung, sondern die Begabung zum monumentalen Weltschmerz, und in unserem Hunger einen Tribut, den wir der Kunst zollen. Doch was, wenn nun tatsächlich ein Regisseur hineinkommen und ihr eine Rolle anbieten würde – als Kellnerin in seinem nächsten Film? Das würde nicht klappen. Denn sie ist ja Schauspielerin, keine Kellnerin. Und die Pasta in der Durchreiche längst kalt.