Nun komm doch
Ein Park in Kreuzberg, zwischen Oranien- und Alter Jakobstraße. Waldeck, der Namensgeber, ein Linksliberaler aus dem 19. Jahrhundert, ist längst vergessen. Und so sucht der Unwissende in diesem Eck nach dem Wald, den der Park zu versprechen scheint. Vergeblich: Nur zehn, zwölf Bäume stehen hier herum. Ungeduldig werfen sie ihre Schatten auf irgendwelche Dahergelaufenen, die auf den M29 warten, ganz so, als würden diese Bäume selbst gern in den Bus steigen, nur fort von hier, am besten in einen Wald, den es wirklich gibt. Kein Zweifel: Wer im Waldeckpark spazieren geht, der kann nicht anders. So wie die alte Frau am Mittwochmorgen dieser Woche. Sie steht in Puschen an einem quadratischen Beet, in dem ihr Dackel an einer Rose schnüffelt. Er sieht glücklich aus, die alte Dame jedoch nicht. Sie schaut auf das Beet und auf die Rosen und auf ihren Dackel und doch durch all das hindurch in einen Abgrund. In den Tod etwa? Wie lange hat sie noch? Wird der Dackel sie überleben? Und was wird dann aus ihm? Sie macht einen Schritt fort von diesem Gedanken und von dem Beet. Doch der Dackel will ihr nicht folgen, er schnüffelt jetzt noch glücklicher an seiner Rose. Die alte Dame wartet, macht dann noch einen Schritt. Der Dackel aber bleibt im Beet. Dann ruft sie ihn, gar nicht streng, vielmehr sehnsüchtig, sie ruft ihn bei seinem Namen: »Papi!« Und noch einmal. »Papi!«, schallt es durch den Waldeckpark. »Papi, nun komm doch! Papi!« Wir bleiben nicht lang genug an diesem Ort, um zu sehen, ob Papi der alten Dame schließlich folgt. Denn da kommt ja auch schon der M29 und bringt uns fort von hier.
Selbst dazu zu heiß
An einem Samstagnachmittag, in der Nähe des Checkpoint Charlie, die Sonne schreit vom Himmel. Hier also soll sich einst die Sollbruchstelle der Welt befunden haben, hier hätte sie in Scherben gehen können. Panzer, Stacheldraht, Schießbefehl. Oder war all das nur ein Witz? Sie lachen darüber, die Touristen, lassen sich mit als Grenzsoldaten verkleideten Studenten fotografieren, essen Rosinenschnecken bei Kamps und erbrechen sich aus dem Bier-Bike auf den Todesstreifen. Heute aber ist es selbst dazu zu heiß, die Straßen sind beinah leer. Ein Souvenirhändler hat Schatten unter dem Schirm eines Cafés gefunden. Aus seinen immer wieder zufallenden Augen bewacht er seinen Bauchladen, den er an ein Straßenschild gelehnt hat. Da biegt um die Ecke Schützenstraße/Friedrichstraße eine spanische Familie, Vater, Mutter, zwei Söhne. Sie alle sind schweißnass. Gleichwohl interessieren sie sich für das Pelzmützensortiment des Souvenirhändlers, Restbestände der Roten Armee, echt oder unecht, wen kümmert das hier. Der nun hellwache Souvenirhändler hält dem Vater diverse Modelle hin. Der Mann setzt eine nach der anderen auf seinen triefenden Kopf, einer der Söhne berät ihn, der andere befühlt etwas abseits seine Igelfrisur, wie es der Mutter bei all dem geht, ist wegen ihrer riesigen Sonnenbrille nicht zu erkennen. Die Wahl des Vaters fällt schließlich auf eine Uschanka mit Ohrenklappen, ein roter Stern prangt auf der Stirnseite. Er ist überglücklich, mustert sein Spiegelbild im Schaufenster, dann zahlt er mit einem großen Schein. Sich zum Gehen wendend, macht er, der Spanier, mit seiner neuen sowjetischen Pelzmütze auf dem Kopf den Hitlergruß. Der Souvenirhändler lächelt. Die Sonne schreit vom Himmel. Hier hätte die Welt in Scherben gehen können.
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