Jeden Tag zwei Gramm

Der Mehringkiez in Kreuzberg: Habitat körperbewusster junger Männer. Das Bodybuilding – oder »Pumpen«, wie sie es gemeinhin nennen – gehört hier zur Adoleszenz. Sie wachsen nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite. Nicht selten geht Letzteres sogar bedeutend schneller: Als aufmerksamer Nachbar kann man regelrecht zusehen, wie sich kleine Jungs, die eben noch arglos auf dem vermüllten Spielplatz hinter dem Hochhaus Friedrich-, Ecke Franz-Klühs-Straße Fangen spielten, innerhalb weniger Monate in kolossale Hulks verwandeln, die abends unter den Platanen am Wettbüro ihre Oberarmumfänge vergleichen. Den Wettbewerbsvorteil bringt dabei die richtige Ernährung. Der kundige Pumper weißt: Proteine sind das alles Entscheidende. Faustregel: jeden Tag zwei Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Milch, Pute, Thunfisch sind gut, Gouda, Quark und Hühnchen. Das müssen endlich auch die Mütter begreifen! Denn die meisten Hulks wohnen noch zu Hause, ihr Muskelaufbau ist abhängig vom dortigen Essensangebot. Und so stehen sie mit ihren Müttern kurz vor der Abendbrotzeit in den Fahrstühlen rund um den Mehringplatz, betrachten sich verliebt in den Spiegeln, spannen den Bizeps an und geben nebenbei Anweisungen: »Koch bloß was mit Proteinen heute, Mama!« Und die Mütter, den Rücken zu den Spiegeln, die schweren Einkaufstaschen in den Händen, wissen nicht, was eigentlich passiert ist. Warum müssen die Kinder bloß so schnell erwachsen werden? Und was sind überhaupt Proteine?

Ach. Egal.

Auf der Schillingbrücke. Nicht Friedrichshain, nicht Mitte. Eine Zwischenwelt: Hier stehen morgens die Angler und holen Fische aus der Spree, die tot so traurig aussehen, wie ihr Leben in dem einbetonierten Fluss gewesen sein muss. Werden sie verzehrt? Oder beerdigt? Letzteres wäre tröstlich. All die Vorhängeschlösser am Geländer sollten auch mal tröstlich sein: Symbol ewiger Liebe. Ich dich auch, du. Doch in den Stadtteilen, die diese Brücken verbindet, kann alles, muss nichts. Die Ewigkeit dauert hier drei Wochen. Wer will sich da für immer binden? Lass uns Freunde bleiben. Wer macht sich die Mühe, die Schlösser wieder zu öffnen? »Pull the Plug«, steht an der Mauer. Zieh den Stöpsel. Aus Richtung Mitte kommt jetzt ein Mann angeschlurft, der keine Schuhe trägt. Er hat auch keine Zähne und sagt immerzu: Ach. Ach. Ach. Als wäre all das ein Jammer. Und das ist es ja auch, aber niemand sagt das mehr. Ach. Muss ein Verrückter sein. Holen morgen früh die Angler seine Schuhe aus der Spree? Jetzt überollt ein LKW beinah einen Radfahrer. Dann hupt er zehn Mal. Ach, denkt man selbst. Ach. Oder hat man es auch schon laut gesagt, wie der Verrückte? Ach. Egal.

Mädchenschrift

An einem Dienstagmittag Anfang Januar, am Rande eines Friedhofs in Friedrichshain. Die Trauergemeinde macht sich auf den Weg zum Leichenschmaus. Greise stützen einander, zwei müssen im Rollstuhl geschoben werden, es geht nur sehr langsam voran. Worüber sie wohl sprechen? Über den alten Freund, der fortan fehlt in dieser Gruppe, den Bruder, den Vetter? Darüber, dass die Begräbnisse dichter und dichter kommen, wie die Straßenschilder, wenn man sich einer Stadt nähert? Einer von ihnen wirkt etwas jünger, aber wohl nur deshalb, weil er statt eines schwarzen einen dunkelblauen Anzug trägt. Auch er scheut zurück vor dem geradezu unendlichen Verkehr, der in diesem Augenblick über die Straße geht. Erstaunlich, dass es nicht regnet. So können sie sich wenigstens auf ihre Schirme stützen. Schließlich bremst ein Volkswagen, der Fahrer winkt, die Greise überqueren die Fahrbahn wie eine Herde lahmender Schafe. Auf der anderen Seite, vor dem Schaufenster eines Sanitärfachgeschäfts, mit Blick auf Badewannen, verschnaufen sie. Dann, fünf Minuten später und zehn Meter weiter, weist ihnen eine Schiefertafel den Weg ins Gasthaus. Ein Pfeil ist darauf gemalt und ein Name, es wird der des Verstorbenen sein: Meier. Mit Kreide geschrieben in geschwungenen Lettern, offenbar von einer jungen Frau, einer Kellnerin. Und der I-Punkt, er sieht aus wie ein gebrochenes Herz.

Eine Bühne für sie

Ein Bistro in Kreuzberg, abends gegen sieben. Viel los ist hier nicht, drei Gäste an zwei Tischen. Und das ist, wie wir bemerken werden, angesichts der sagenhaften Bocklosigkeit der Kellnerin wohl besser so. Sie erwidert den guten Abend nicht, den wir ihr wünschen, ihr Blick sagt, dass sie uns etwas übel nimmt. Doch was? Was ist mit ihr? Das, was sie tun soll, kann sie nicht, will sie nicht, aus einem nur ihr bekannten Grund. Tiefe Verachtung geht von ihr aus, die Speisekarten haut sie uns hin wie ein von ihr unterschriebenes Todesurteil. Die Pasta für den anderen Tisch dampft in der Durchreiche, doch sie muss jetzt erst mal raus hier, aus dieser Hölle der Essenwollenden, eine rauchen. Das erlaubt es uns, dieses finstere Mädchen durch die Fensterscheibe zu beobachten. Die einstudierte Art, wie sie die Zigarette hält, den Qualm ausatmet, in eine unsichtbare Sonne blickt, ja: raucht, ohne eigentlich zu rauchen – und recht bald wissen wir: Sie ist im Begriff, Schauspielerin zu werden! Und all das hier, die dreckigen Tische, das läppische Trinkgeld, dieser Job, ist nur eine Verzögerung ihres Durchbruchs, eine Hänselei des Schicksals, eine Prüfung. Und sobald wir begriffen haben, dass dieses Bistro eine Bühne für sie ist und wir die Statisten sind in einem Einpersonenstück, sehen wir in ihr nicht mehr die bocklose Kellnerin, sondern einen Star von übermorgen, in ihrem Blick nicht mehr Verachtung, sondern die Begabung zum monumentalen Weltschmerz, und in unserem Hunger einen Tribut, den wir der Kunst zollen. Doch was, wenn nun tatsächlich ein Regisseur hineinkommen und ihr eine Rolle anbieten würde – als Kellnerin in seinem nächsten Film? Das würde nicht klappen. Denn sie ist ja Schauspielerin, keine Kellnerin. Und die Pasta in der Durchreiche längst kalt.

Wenn nichts passiert

An einem späten Nachmittag in einem Zeitungskiosk in Neukölln. Es riecht nach zu heißem Schnellgericht und zu kaltem Rauch. Nicht sehr gut also und nicht sehr lange möchte man deswegen bleiben, bloß schnell das Nötigste einkaufen. Doch der kleine Junge, der gerade eben lesen kann, steht wie hypnotisiert vor dem Regal mit den Magazinen. »Kommst du, bitte?« – »Nein.« Er kann jetzt hier nicht weg, es gilt ein großes Problem zu lösen. Denn auf dem Titelblatt einer Zeitschrift wird ein philosophischer Aufsatz wie folgt beworben: »Was passiert, wenn nichts passiert?« Allemal eine gute Frage, denkt man selbst bei sich, tatenlos hinter dem kleinen Jungen stehend, Schnellgericht- und Nikotingestank inhalierend. »Du, wir müssen weiter!« – »Gleich.« Seine Lippen bewegen sich lautlos, während er die Frage wieder und wieder liest und sie allmählich begreift. Schließlich ist es, als schwebte der Lichthof eines heiligen Ernstes über seinem blonden Köpfchen. Er denkt nach, brütet, geht in sich, immer tiefer, das Weltwissen eines Sechsjährigen durchmessend. Minuten vergehen. Stunden vielleicht? Was passiert, wenn nichts passiert? Dann muss etwas passieren! Nämlich: »Dann hängen sich Omas schöne Ketten um!«, verkündet der kleine Junge, als wäre dies und nur dies wahr, wendet sich zum Ausgang und sagt: »So. Jetzt können wir los.« Er geht voran, man selbst hinterher. Überallhin wohl würde man ihm folgen.

Über ihm der Himmel über Berlin

Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres. Irgendwo in den Häuserschluchten zwischen Friedrich- und Wilhelmstraße erbricht sich ein Mann. Steht er im verlassenen Parkhaus? Hinterm Bolzplatz? Auf der Hundewiese? Sein Husten, Würgen, Spucken, Stöhnen dringt hinauf zu den Balkonen ringsum, auf denen die Menschen sitzen und von etwas Schönem träumen wollen, es kommt näher, entfernt sich, kommt wieder näher, hört nicht auf. Es ist, als ginge der Mann kotzend spazieren. Gefällt ihm dieses Kreuzberg etwa nicht? Nun hat er die Büsche des Theodor-Wolff-Parks erreicht, hustet, würgt, spuckt, stöhnt, über ihm der Himmel über Berlin. In der Stille danach hört man die Menschen auf ihren Balkonen hinunter lauschen: Geht das noch weiter? Wie oft kann ein Mensch sich übergeben? Wann können sie das Träumen endlich wieder aufnehmen? Und wo waren sie stehen geblieben? Dann taucht der Mann zwischen Altglascontainern in der Franz-Klühs-Straße auf. Sich anlehnend, hustet, würgt er ein letztes Mal, sein Sputum klatscht auf den Asphalt. Endlich hat der Krampf sich gelöst, der Mann schüttelt seine Glieder, überprüft seine Garderobe, eine neue Kraft fährt in ihn, er hat, was immer ihn plagte, offenbar überstanden. Sich zu seiner wahren Gestalt erhebend, überquert er die Straße. Unter dem Vordach des Supermarkts, im Schein schmutziger Lampen, wartet eine Frau. Als sie den Mann auf sich zukommen sieht, öffnet sie die Arme, er schlüpft hinein. Sie küssen sich. Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres.

Nun komm doch

Ein Park in Kreuzberg, zwischen Oranien- und Alter Jakobstraße. Waldeck, der Namensgeber, ein Linksliberaler aus dem 19. Jahrhundert, ist längst vergessen. Und so sucht der Unwissende in diesem Eck nach dem Wald, den der Park zu versprechen scheint. Vergeblich: Nur zehn, zwölf Bäume stehen hier herum. Ungeduldig werfen sie ihre Schatten auf irgendwelche Dahergelaufenen, die auf den M29 warten, ganz so, als würden diese Bäume selbst gern in den Bus steigen, nur fort von hier, am besten in einen Wald, den es wirklich gibt. Kein Zweifel: Wer im Waldeckpark spazieren geht, der kann nicht anders. So wie die alte Frau am Mittwochmorgen dieser Woche. Sie steht in Puschen an einem quadratischen Beet, in dem ihr Dackel an einer Rose schnüffelt. Er sieht glücklich aus, die alte Dame jedoch nicht. Sie schaut auf das Beet und auf die Rosen und auf ihren Dackel und doch durch all das hindurch in einen Abgrund. In den Tod etwa? Wie lange hat sie noch? Wird der Dackel sie überleben? Und was wird dann aus ihm? Sie macht einen Schritt fort von diesem Gedanken und von dem Beet. Doch der Dackel will ihr nicht folgen, er schnüffelt jetzt noch glücklicher an seiner Rose. Die alte Dame wartet, macht dann noch einen Schritt. Der Dackel aber bleibt im Beet. Dann ruft sie ihn, gar nicht streng, vielmehr sehnsüchtig, sie ruft ihn bei seinem Namen: »Papi!« Und noch einmal. »Papi!«, schallt es durch den Waldeckpark. »Papi, nun komm doch! Papi!« Wir bleiben nicht lang genug an diesem Ort, um zu sehen, ob Papi der alten Dame schließlich folgt. Denn da kommt ja auch schon der M29 und bringt uns fort von hier.