Und geht dann aus
Eine Mittwochnacht in der Bautzener Straße in Schöneberg. Der Wind streicht durch die Bäume wie ein Vater durch das Haar seiner Tochter. Auf der einen Seite stehen die Häuser, auf der anderen, die Böschung hinunter, könnte das Meer sein, ein kleines wenigstens, und sind dann doch nur die Gleise. Es könnte alles so schön sein und ist es dann doch nicht: Berlin im Juni. Vor der Nummer acht teilen sich zwei Jungs die letzte Zigarette, der eine sitzt ganz fest auf seinem Motorroller, ein Zentaurus auf Rädern, der andere geht um ihn herum, immer wieder im Kreis, und telefoniert. "Bitte schick sie runter", sagt er. "Ich muss mit ihr sprechen." Er nimmt die Zigarette und saugt daran. "Bitte, Sarah." Über ihnen, hinter dem noch hellen Fenster, sitzen zwei Mädchen, die schon schlafen müssten, es ist bald halb zwei. "Bitte", sagt der Junge, sein Freund hat die enorme Geduld eines Chauffeurs, er nimmt die Zigarette, raucht sie auf, tritt sie auf dem Pflaster aus und wartet. "Ich muss mit ihr sprechen, es ist wichtig, hol sie wenigstens ans Telefon." Er klingt jetzt, als würde er den Mond anheulen, das Fenster leuchtet über ihm. Dann bleibt er mit einem Mal stehen, wird größer, gerader, sie ist dran, die, mit der er dringend sprechen muss, endlich. "Hallo, Luisa." Unten, wo das Meer sein könnte, fährt eine Bahn vorbei in Richtung Südkreuz. "Ich bin's... Nein, ich bin's... Nicht Max... Ich bin's: Leon... Leon... Nicht Max... Hallo? Hallo?" Sein Freund tut, was er tun muss, er startet den Motor, der Junge steigt hinten auf den Roller, sie fahren davon, die Bautzener Straße hinunter, in die Nacht. Sie haben keine Zigaretten mehr. Das Licht im Fenster der Nummer acht leuchtet noch eine Weile und geht dann aus.
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