Er nenne sie Angela in seinem Traum
Kreuzberg, an einem milden Abend Anfang Juli. Manches in dieser Stadt begibt sich nur im Traum, und doch gehört es zum Leben, mehr als manches, das wirklich geschieht. Immer wieder, so erzählt ein Mann in einem Garten an der Oranienstraße seinen Freunden bei ein, zwei Flaschen Wein, träume er von der Bundeskanzlerin. Der Traum sei stets der gleiche: Eine schwarze Limousine fahre hier am Haus vor, in dem er wohne, und ihm sei ganz klar, dass dies einem festen Ritual folge, einer regelmäßigen Verabredung. Er ziehe sich, ohne zu zögern, Schuhe und Jacke an, laufe die Treppen hinunter in den Hof und steige in den Wagen, in dessen Fond die Kanzlerin auf ihn warte. Er nenne sie Angela in seinem Traum, sie seien offenbar Vertraute. Die Freunde sitzen seltsam unbequem da, einer räuspert sich verlegen, ein anderer schenkt sich nach, sie hören eine Geschichte, von der sie nicht wissen, ob sie sie hören wollen. Tosend fährt hinter der Hecke der M29 an der Haltestelle vor, der Mann wartet ab, bis wieder Ruhe herrscht, und schaut in die Runde mit gespieltem Ernst. Die Kanzlerin, erzählt er weiter, gebe ihrem Chauffeur ein Zeichen, die Limousine rolle an, durch die schmale Einfahrt hinaus auf die Straße, vorbei am Jüdischen Museum und dann links, entlang dem Hochgleis. Er sei, sagt der Mann, in diesem Traum wohl eine Art Konsul von Kreuzberg, ein ständiger Vertreter, der der Kanzlerin die Gegend zeige, ihre Bewohner und deren exotische Gebräuche. Sie deute aus dem Fenster und stelle interessierte Fragen: Warum jongliert der Junge an der Ampel? Warum leuchtet die Frau mit einer Taschenlampe in den Mülleimer? Am Kottbusser Tor schließlich stiegen sie aus, um im Supermarkt Schokolade einzukaufen. Er frage die Kanzlerin dann, ob sie Zartbitter oder Vollmilch bevorzuge. Und sie antworte: Mir ist beides recht. Das ist so typisch für sie, ruft ein Zuhörer entrüstet, er schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Nie legt sie sich fest! Der Mann aber lächelt. Manches in dieser Stadt begibt sich nur im Traum, und doch gehört es zum Leben.
Und geht dann aus
Eine Mittwochnacht in der Bautzener Straße in Schöneberg. Der Wind streicht durch die Bäume wie ein Vater durch das Haar seiner Tochter. Auf der einen Seite stehen die Häuser, auf der anderen, die Böschung hinunter, könnte das Meer sein, ein kleines wenigstens, und sind dann doch nur die Gleise. Es könnte alles so schön sein und ist es dann doch nicht: Berlin im Juni. Vor der Nummer acht teilen sich zwei Jungs die letzte Zigarette, der eine sitzt ganz fest auf seinem Motorroller, ein Zentaurus auf Rädern, der andere geht um ihn herum, immer wieder im Kreis, und telefoniert. "Bitte schick sie runter", sagt er. "Ich muss mit ihr sprechen." Er nimmt die Zigarette und saugt daran. "Bitte, Sarah." Über ihnen, hinter dem noch hellen Fenster, sitzen zwei Mädchen, die schon schlafen müssten, es ist bald halb zwei. "Bitte", sagt der Junge, sein Freund hat die enorme Geduld eines Chauffeurs, er nimmt die Zigarette, raucht sie auf, tritt sie auf dem Pflaster aus und wartet. "Ich muss mit ihr sprechen, es ist wichtig, hol sie wenigstens ans Telefon." Er klingt jetzt, als würde er den Mond anheulen, das Fenster leuchtet über ihm. Dann bleibt er mit einem Mal stehen, wird größer, gerader, sie ist dran, die, mit der er dringend sprechen muss, endlich. "Hallo, Luisa." Unten, wo das Meer sein könnte, fährt eine Bahn vorbei in Richtung Südkreuz. "Ich bin's... Nein, ich bin's... Nicht Max... Ich bin's: Leon... Leon... Nicht Max... Hallo? Hallo?" Sein Freund tut, was er tun muss, er startet den Motor, der Junge steigt hinten auf den Roller, sie fahren davon, die Bautzener Straße hinunter, in die Nacht. Sie haben keine Zigaretten mehr. Das Licht im Fenster der Nummer acht leuchtet noch eine Weile und geht dann aus.
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