Oz
An einem Sonntagabend in Schöneberg, am Ende eines heißen Tages. Auf den Balkonen in der Hochkirchstraße hängen die Laken draußen über Nacht, sie nehmen den Duft an von gegossenen Pflanzen und der Nachglut der Steine, von Sternen und Heimkehrern, von Kühle und Flieder, vom Tau früh morgens schließlich, sie verlieren dann den Duft von uns, und wir können nicht mehr sagen, wie wir das finden. Berlin nickt ein beim Spätfilm, schwer und seltsam glücklich, trotz alledem, als wären morgen Ferien, schon kämpfen die Katzen in den Hinterhöfen dieser Stadt, die wir hassen, die wir lieben, und da geht eine Frau den Weg entlang mit ihrer Tochter. Es muss ihr dritter oder vierter Sommer sein, ihre erste Sommernacht vielleicht, sie geht neben ihrer Mutter her, als hätten die beiden ein Geheimnis, zwei Freundinnen, die etwas teilen: Sag niemandem, dass du so lang wach warst. Ich verspreche es dir. Dann bleiben wir noch etwas wach und laufen nicht zu schnell nach Hause, damit der Sommer nicht vergeht. Das Mädchen hat eine Blume in der Hand, als hätte es selbst sie sich dort hingemalt, die drei Leute an den Tischen vorm Lokal, die trinken und rauchen und trinken, schauen sie an, als wäre sie die kleine Judy Garland im »Zauberer von Oz«, so wie sie durch den Abend balanciert: Herzen werden niemals zweckmäßig sein, bis sie unzerbrechlich gemacht werden. So laufen sie dahin, Mutter und Tochter, beide ohne Strümpfe in ihren leichten Schuhen, und das Letzte, was man noch hört, ist: »Schau mal, da oben. Bald ist Vollmond.« – »Aber Mama«, sagt das Mädchen, »mit Vollmond spricht man doch nicht.«
Abonnieren
Kommentare (Atom)