Es ist okay
Im Morgengrauen in Schöneberg, an einem Dienstag um halb fünf. Auf dem Balkon der Wohnung schräg oben drüber, in die, wie man bereits herauszufinden leider nicht umhin gekommen ist, vor kurzem eine unübersichtlich große Gruppe wahnsinnig junger und wahnsinnig lauter Menschen eingezogen ist, dauert die Party immer noch an. Tiefe Bässe, schrilles Gekreisch, irgendjemand ist zudem sehr ausdauernd darin, mit einem vorschlaghammerartigen Werkzeug gegen die Brüstung zu dreschen. Wäre man doch selbst noch einmal ein so wahnsinnig junger und so wahnsinnig lauter Mensch, denkt man sich, seit Stunden in zerbissenen Kissen zwischen Halbschlaf und Wutanfall hin und her oszillierend, dann würde man jetzt nicht hier liegen wie ein Kleingärtner im Schlafanzug und darüber nachdenken, ob es allzu spießig wäre, langsam mal die Polizei anzurufen. Dann würde man womöglich auch auf dem Balkon schräg oben drüber stehen, sein zwölftes Limettenbier trinken, Zigaretten paffen und sich Hoffnungen machen, dass man, wenn diese Party irgendwann doch vorbeigehen sollte, nicht allein in den Schlafsack kriecht, auf dem Flur, auf dem Parkett, zwischen dem Schuhregal und der Toilettentür. Süßer Vogel Jugend! Bitte halt nun den Schnabel, der alte Mann von nebenan muss in drei Stunden zur Arbeit gehen. Die Schatten der Nacht, die sich tanzend und rangelnd und knutschend abzeichneten vor dem Mondhimmel, sie zeigen im ersten Licht des Dienstagmorgens ihre Gesichter: Sie sind Kinder noch, kann man ihnen böse sein? Ihnen die Polizei auf den Hals hetzen? Nein. Man steht auf und kocht sich einen Kaffee, geht auf den Balkon hinaus in den beginnenden Tag und will ihn grüßen, vielleicht den wahnsinnig jungen Menschen etwas Freundliches zurufen. Feiert eure Jugend. Es ist okay. Dann tritt man barfuß in die Kotze.
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