Du musst das doch verstehen, Udo
U-Bahnhof Hallesches Tor, an einem Dienstagabend Anfang Januar. Auf einer Bank hält eine Gruppe von Leuten ihr tägliches Gelage ab, es wird getrunken, geraucht, palavert, man streitet und versöhnt sich im Minutentakt. »Mann, Udo! Echt jetzt mal!«, zetert eine Frau in Tigerleggins, sie rudert wild mit den Armen, eine Flasche Bier in der einen, eine Kippe in der anderen Hand. »Wenn du das noch mal machst, ist unsere Freundschaft vorbei, das sag ich dir ganz ehrlich. Neee, neee, neee! Das geht gar nicht, Udo! Da brauchst du jetzt gar nicht zu gucken wie so’n Dackel. Ich hab meine Prinzipien. Und da bin ganz rigoros. Einmal noch – und aus! Vorbei! Finito! Hast du das kapiert? Ob du das kapiert hast!« Udo steht nun von der Bank auf, fällt aber sofort wieder zurück und versucht dann im Sitzen, die Frau auf Hüfthöhe zu umarmen, die weist ihn zurück: »Lass mich! Ich will erst, dass du mir das versprichst: Ich, Udo, mache das nie wieder. Versprich es mir!« Udo lallt etwas Unverständliches, das sich alsbald in ein hochtönendes Gewinsel verwandelt. »Mann, Udo! Jetzt heul nicht auch noch!«, ruft die Frau und dann, zu den anderen gewandt: »Jetzt heult der!« Die anderen raunen etwas, wie der Chor in einer griechischen Tragödie. »Zurückbleiben, bitte!« sagt die Maschinenstimme aus der U6. Udo versucht noch einmal aufzustehen und scheitert erneut, er sackt in sich zusammen und schluchzt. »Du musst das doch verstehen, Udo«, sagt die Frau jetzt deutlich milder. »Wir haben hier genug Ärger mit der BVG. Da kannst du dich doch nicht auf den Bahnsteig stellen und die Hose runterlassen. Niemand will deinen Arsch sehen, Udo!« Und dann, nach einer Pause, sagt sie: »Wieder Freunde?« Udo nickt.
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