Das hat sie jetzt davon

Im Kreuzberger Wrangelkiez, am späten Donnerstagabend. Willkommen am Ballermann Berlins. Aber man ist ja gewarnt worden: »Attention! You are entering the tourism sector!«, hat jemand am Schlesischen Tor in dicken schwarzen Strichen an die Stahlträger des Hochgleises gepinselt. Es ist der Ort, an dem die Rollkoffermenschen das Wilde, Ungeschlachte dieser Stadt suchen und doch nur Ihresgleichen finden. Hinfort gentrifiziert sind die Kiezkneipen und ihre Insassen. Sie husten ihr Sputum jetzt auf das Pflaster außerhalb des Rings, in Rudow, Treptow, Lichtenrade. Berlin hat sein eigenes Zentrum längst preisgegeben. Dort schlägt nun ein fremdes Herz in einem Takt, der auch Fans von Helene Fischer schunkeln lässt. In den indischen Restaurants, die sich in der Schlesischen Straße aneinander reihen, sitzen ortsfremde Niedersachsen unter der Markise. Vater und Mutter in Dreiviertelhosen, die Kinder in Klamotten, aus denen noch das Preisschild hängt. Ihr Blick wandert zwischen dem Chicken-Curry, das soviel exotischer schmeckt als alles daheim in Gifhorn, und dem Gehsteig hin und her, sie schwitzen. Bizarr ist es allemal, was sie für ihr Eintrittsgeld zu sehen bekommen: Katalonische Rastafari, britische Kampftrinker, japanische Selfiestangenträger und ein Pfandflaschensammler, der wohl selbst nicht mehr weiß, woher er einst kam und wo er sich genau befindet. Sie halten es für Berlin, und wenn sie den Daheimgebliebenen davon erzählen, ihnen die verschwommenen Handyfotos zeigen, dann werden sie das Wort »Schmelztiegel« verwenden. Verrückt war es, aber auch sehr schön. Mal abgesehen von der Frau, die auf der Parkbank in der Falckensteinstraße Marihuana raucht und jeden beschimpft, der vorbeiläuft. Sie nimmt es offenbar persönlich, dass man ihr Kreuzberg weggenommen hat. Zwei juvenilen Vollbartträger, die verträumt ein Eis schlecken, brüllt sie »Ihr halbschwulen Berghainis!« hinterher. »Ihr kotzt mich an!« Die beiden beschleunigen panisch ihre Schritte, als hätte man auf sie geschossen, bloß weg von diesem wilden, ungeschlachten Berlin und den gefährlichen Hexen, die es bewohnen. »Scheiß Touristen!«, ruft die Frau. »Ihr haltet das hier für eine Performance! Aber es ist die Wahrheit, hört Ihr? Die beschissene Wahrheit! Ihr kotzt mich alle an!« Es ändert nichts. Die ortsfremdem Niedersachsen bestellen einen Nachtisch, die britischen Kampftrinker urinieren in einen Hauseingang, die katalonischen Rastafari spielen Gitarre auf der Parkbank, wo eben noch die Hexe gesessen und geschimpft hat. Wohin mag sie verschwunden sein? Nach Rudow, Treptow, Lichtenrade? Ein Rettungswagen steht nun plötzlich in der Falckensteinstraße, das Blaulicht flackert unter den Markisen. »Das hat sie jetzt davon«, sagt ein Schaulustiger. »Die ist doch nicht ganz dicht.«