Und du hast jetzt Angst!

Die Reichenberger Straße in Kreuzberg, an einem späten Mittwochnachmittag im Mai. Die schreiend bunte Außenwerbung des Wettbüros an der Ecke zeigt das Meer der Möglichkeiten: Ein Traumschiff segelt an einer riesigen Espressotasse vorüber, einer Insel aus Wolkenkratzern entgegen, an deren Strand ein verschlagener Schimpanse im Hawaiihemd mit Dollarnoten wedelt. Auf den ersten Blick das Werk eines wahnsinnig gewordenen Gebrauchsgrafikers, auf den zweiten ein Zerrspiegel des Lebens hier im Kiez: Gegenüber fährt ein ehemals berühmter Musikansager mit seinem froschgrünen Porsche im Aufzug direkt in seine Wohnung, die Scheiben des sogenannten Car-Lofts sind eingeschlagen, gekittet und wieder eingeschlagen worden. Das Geschäft im Erdgeschoss, das Wellnessprodukte für den eleganten Hund anbot, steht seit dem Winter leer, im Café daneben schauen Designstudenten irgendwie bedeutsam drein und wissen nicht genau, warum. Aus dem Görlitzer Park vertriebene Drogendealer kreisen auf Damenrädern um den Block, sie zischen die Passanten an, geheimes Zeichen eines Deals, der nur dann und wann zustande kommt. Ein ausgeweideter Fernseher steht »zum Mitnehmen« am Baum, am Heck des treu vor sich hin tuckernden Müllwagens hängt ein Kirmesteddy, der von ferne aussieht wie Klaus Wowereit, schon lange außer Dienst. Ein Mietwagen mit offenem Verdeck rast scheinbar fahrerlos vorbei, dem Horizont entgegen, der dort hinten, hinter dem Landwehrkanal, ja schließlich irgendwo liegen muss. Und durch all das tanzen die Kinder aus den Tagesstätten, die zu Stunde ihre Pforten schließen, wie freigelassene Welpen, täppisch zwar, aber umso fröhlicher. Eines hat auf dem Gehsteig eine Scherbe gefunden und spielt mit ihr, ein anderes saugt an einem weggeworfenen Strohhalm, die Sonne scheint, da sie keine Wahl hat, auf sie hinab. Eine Geisterbahn, am helllichten Kreuzberger Tag, der Eintritt ist wie immer frei. »Ich bin ein Werwolf, und du hast jetzt Angst!«, ruft jetzt ein Mädchen seiner Mutter zu. »Ich kann erst zu Hause Angst haben«, sagt die Mutter. »Hier sind mir zu viele Autos.«