Ball der einsamen Hirne
Kreuzberg, drei Tage nachdem das alte Jahr verstorben ist. An einem Bauzaun hinter der Bundesdruckerei hängt schief ein neonfarbenes Plakat: „Ü30-Party“, steht darauf – und: „Fetenhits!“ Auch in Zukunft gilt also: Berlin ist überall seine eigene Vorstadt. Ein Twingo kommt in verkehrter Richtung aus der Einbahnstraße und prescht durch den papiernen Raketenmatsch. Am Rückspiegel baumelt ein Würfel aus Plüsch. Ü30-Party, Fetenhits. Wegen des großen Erfolgs im Partyzelt diesmal im: Admiralspalast. Wurde dorthin nicht mal anders eingeladen als auf neonfarbenen Plakaten? Zu anderen Anlässen als zu Polonäsen Anschlusssuchender? Was sagen die Ü80-Menschen dazu? Nichts: Sie haben sich noch in ihren Bauten verschanzt, aus Angst vor den Bomben an Silvester, und weinen in ihre Konserven. Raketenmatsch und Fetenhits. Als wäre Berlin eine Dorfdisco. Ist Berlin eine Dorfdisco? Willkommen zum Ball der einsamen Hirne: Der Cousin aus Westdeutschland fährt auf dem Bierbike durch die Nacht. Wo ist sein Mallorca-Hut? Ein Junggesellenabschied hechtet geschlossen in die Bowle. So jung kommen wir nicht mehr zusammen, wie hier, auf der Ü30-Party. Wir brauchen noch mehr Fetenhits. „Kommst du mit?“, schreit das neonfarbene Plakat, an einem Bauzaun hinter der Bundesdruckerei den Fahrradfahrer an. Drei Tage nachdem das alte Jahr verstorben ist. „Kommst du jetzt mit, oder was?“ Nein, danke. Ich gehe 2015 mal etwas eher ins Bett.
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