Mutmaßlich aus Salzgitter

Eine Bar im Wrangelkiez, nachts um halb zwei. Uhrzeit, Pegel und Außentemperatur erlauben es, dass man sich für einen kostbaren Augenblick fühlt wie Leonard Coen in der Clinton Street an einem Dezembertag im New York der späten Sechziger. Jedenfalls so, wie man sich das gern vorstellt. Und wenn man bald, nicht allzu bald, nach Hause ginge, die Skalitzer Straße hinunter, würde es nach Schnee riechen und still sein, ganz still. O herrliche Betrunkenheit. Doch dann das: Zwei mitteljunge Damen, mutmaßlich aus Salzgitter, wollen noch was trinken. Oder wie sie sagen: »schön noch was trinken«. Und obwohl die Bar fast leer ist, drehen sie sich auf der Suche nach einem freien Platz lange und umständlich im Kreis, an ihren Rucksäcken schaukeln die Diddlmäuse. »Da?«, fragt die eine. »Oder doch da, am Fenster?« – »Wie du willst!«, sagt die andere. Darauf die eine: »Wie DU willst!« Und so geht es weiter, lange, umständlich, salzgitterisch, bis man wieder nüchtern ist und alles dahin. Der Barkeeper trocknet derweil die Gläser und scheint nichts zu empfinden. Aber als die Damen sich endlich für einen Tisch entschieden haben und soeben ihre Rucksäcke abstreifen wollen, ruft er ihnen vom Tresen zu: »Claudia! Jennifer! Der Inder, den ihr sucht, ist nebenan!« Eine schwer zu schätzende Anzahl von Sekunden vergeht, dann haben die Damen das Lokal verlassen. Ein kalter Luftzug. Es riecht nach Schnee. Ein Schluck aus dem Glas. O herrliche Betrunkenheit.