Mutmaßlich aus Salzgitter
Eine Bar im Wrangelkiez, nachts um halb zwei. Uhrzeit, Pegel und Außentemperatur erlauben es, dass man sich für einen kostbaren Augenblick fühlt wie Leonard Coen in der Clinton Street an einem Dezembertag im New York der späten Sechziger. Jedenfalls so, wie man sich das gern vorstellt. Und wenn man bald, nicht allzu bald, nach Hause ginge, die Skalitzer Straße hinunter, würde es nach Schnee riechen und still sein, ganz still. O herrliche Betrunkenheit. Doch dann das: Zwei mitteljunge Damen, mutmaßlich aus Salzgitter, wollen noch was trinken. Oder wie sie sagen: »schön noch was trinken«. Und obwohl die Bar fast leer ist, drehen sie sich auf der Suche nach einem freien Platz lange und umständlich im Kreis, an ihren Rucksäcken schaukeln die Diddlmäuse. »Da?«, fragt die eine. »Oder doch da, am Fenster?« – »Wie du willst!«, sagt die andere. Darauf die eine: »Wie DU willst!« Und so geht es weiter, lange, umständlich, salzgitterisch, bis man wieder nüchtern ist und alles dahin. Der Barkeeper trocknet derweil die Gläser und scheint nichts zu empfinden. Aber als die Damen sich endlich für einen Tisch entschieden haben und soeben ihre Rucksäcke abstreifen wollen, ruft er ihnen vom Tresen zu: »Claudia! Jennifer! Der Inder, den ihr sucht, ist nebenan!« Eine schwer zu schätzende Anzahl von Sekunden vergeht, dann haben die Damen das Lokal verlassen. Ein kalter Luftzug. Es riecht nach Schnee. Ein Schluck aus dem Glas. O herrliche Betrunkenheit.
Jeden Tag zwei Gramm
Der Mehringkiez in Kreuzberg: Habitat körperbewusster junger Männer. Das Bodybuilding – oder »Pumpen«, wie sie es gemeinhin nennen – gehört hier zur Adoleszenz. Sie wachsen nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite. Nicht selten geht Letzteres sogar bedeutend schneller: Als aufmerksamer Nachbar kann man regelrecht zusehen, wie sich kleine Jungs, die eben noch arglos auf dem vermüllten Spielplatz hinter dem Hochhaus Friedrich-, Ecke Franz-Klühs-Straße Fangen spielten, innerhalb weniger Monate in kolossale Hulks verwandeln, die abends unter den Platanen am Wettbüro ihre Oberarmumfänge vergleichen. Den Wettbewerbsvorteil bringt dabei die richtige Ernährung. Der kundige Pumper weißt: Proteine sind das alles Entscheidende. Faustregel: jeden Tag zwei Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Milch, Pute, Thunfisch sind gut, Gouda, Quark und Hühnchen. Das müssen endlich auch die Mütter begreifen! Denn die meisten Hulks wohnen noch zu Hause, ihr Muskelaufbau ist abhängig vom dortigen Essensangebot. Und so stehen sie mit ihren Müttern kurz vor der Abendbrotzeit in den Fahrstühlen rund um den Mehringplatz, betrachten sich verliebt in den Spiegeln, spannen den Bizeps an und geben nebenbei Anweisungen: »Koch bloß was mit Proteinen heute, Mama!« Und die Mütter, den Rücken zu den Spiegeln, die schweren Einkaufstaschen in den Händen, wissen nicht, was eigentlich passiert ist. Warum müssen die Kinder bloß so schnell erwachsen werden? Und was sind überhaupt Proteine?
Ach. Egal.
Auf der Schillingbrücke. Nicht Friedrichshain, nicht Mitte. Eine Zwischenwelt: Hier stehen morgens die Angler und holen Fische aus der Spree, die tot so traurig aussehen, wie ihr Leben in dem einbetonierten Fluss gewesen sein muss. Werden sie verzehrt? Oder beerdigt? Letzteres wäre tröstlich. All die Vorhängeschlösser am Geländer sollten auch mal tröstlich sein: Symbol ewiger Liebe. Ich dich auch, du. Doch in den Stadtteilen, die diese Brücken verbindet, kann alles, muss nichts. Die Ewigkeit dauert hier drei Wochen. Wer will sich da für immer binden? Lass uns Freunde bleiben. Wer macht sich die Mühe, die Schlösser wieder zu öffnen? »Pull the Plug«, steht an der Mauer. Zieh den Stöpsel. Aus Richtung Mitte kommt jetzt ein Mann angeschlurft, der keine Schuhe trägt. Er hat auch keine Zähne und sagt immerzu: Ach. Ach. Ach. Als wäre all das ein Jammer. Und das ist es ja auch, aber niemand sagt das mehr. Ach. Muss ein Verrückter sein. Holen morgen früh die Angler seine Schuhe aus der Spree? Jetzt überollt ein LKW beinah einen Radfahrer. Dann hupt er zehn Mal. Ach, denkt man selbst. Ach. Oder hat man es auch schon laut gesagt, wie der Verrückte? Ach. Egal.
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