Eine Bühne für sie
Ein Bistro in Kreuzberg, abends gegen sieben. Viel los ist hier nicht, drei Gäste an zwei Tischen. Und das ist, wie wir bemerken werden, angesichts der sagenhaften Bocklosigkeit der Kellnerin wohl besser so. Sie erwidert den guten Abend nicht, den wir ihr wünschen, ihr Blick sagt, dass sie uns etwas übel nimmt. Doch was? Was ist mit ihr? Das, was sie tun soll, kann sie nicht, will sie nicht, aus einem nur ihr bekannten Grund. Tiefe Verachtung geht von ihr aus, die Speisekarten haut sie uns hin wie ein von ihr unterschriebenes Todesurteil. Die Pasta für den anderen Tisch dampft in der Durchreiche, doch sie muss jetzt erst mal raus hier, aus dieser Hölle der Essenwollenden, eine rauchen. Das erlaubt es uns, dieses finstere Mädchen durch die Fensterscheibe zu beobachten. Die einstudierte Art, wie sie die Zigarette hält, den Qualm ausatmet, in eine unsichtbare Sonne blickt, ja: raucht, ohne eigentlich zu rauchen – und recht bald wissen wir: Sie ist im Begriff, Schauspielerin zu werden! Und all das hier, die dreckigen Tische, das läppische Trinkgeld, dieser Job, ist nur eine Verzögerung ihres Durchbruchs, eine Hänselei des Schicksals, eine Prüfung. Und sobald wir begriffen haben, dass dieses Bistro eine Bühne für sie ist und wir die Statisten sind in einem Einpersonenstück, sehen wir in ihr nicht mehr die bocklose Kellnerin, sondern einen Star von übermorgen, in ihrem Blick nicht mehr Verachtung, sondern die Begabung zum monumentalen Weltschmerz, und in unserem Hunger einen Tribut, den wir der Kunst zollen. Doch was, wenn nun tatsächlich ein Regisseur hineinkommen und ihr eine Rolle anbieten würde – als Kellnerin in seinem nächsten Film? Das würde nicht klappen. Denn sie ist ja Schauspielerin, keine Kellnerin. Und die Pasta in der Durchreiche längst kalt.
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