Über ihm der Himmel über Berlin

Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres. Irgendwo in den Häuserschluchten zwischen Friedrich- und Wilhelmstraße erbricht sich ein Mann. Steht er im verlassenen Parkhaus? Hinterm Bolzplatz? Auf der Hundewiese? Sein Husten, Würgen, Spucken, Stöhnen dringt hinauf zu den Balkonen ringsum, auf denen die Menschen sitzen und von etwas Schönem träumen wollen, es kommt näher, entfernt sich, kommt wieder näher, hört nicht auf. Es ist, als ginge der Mann kotzend spazieren. Gefällt ihm dieses Kreuzberg etwa nicht? Nun hat er die Büsche des Theodor-Wolff-Parks erreicht, hustet, würgt, spuckt, stöhnt, über ihm der Himmel über Berlin. In der Stille danach hört man die Menschen auf ihren Balkonen hinunter lauschen: Geht das noch weiter? Wie oft kann ein Mensch sich übergeben? Wann können sie das Träumen endlich wieder aufnehmen? Und wo waren sie stehen geblieben? Dann taucht der Mann zwischen Altglascontainern in der Franz-Klühs-Straße auf. Sich anlehnend, hustet, würgt er ein letztes Mal, sein Sputum klatscht auf den Asphalt. Endlich hat der Krampf sich gelöst, der Mann schüttelt seine Glieder, überprüft seine Garderobe, eine neue Kraft fährt in ihn, er hat, was immer ihn plagte, offenbar überstanden. Sich zu seiner wahren Gestalt erhebend, überquert er die Straße. Unter dem Vordach des Supermarkts, im Schein schmutziger Lampen, wartet eine Frau. Als sie den Mann auf sich zukommen sieht, öffnet sie die Arme, er schlüpft hinein. Sie küssen sich. Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres.