Ein Fest fürs Leben

Prenzlauer Berg, an einem Taxistand abends um elf. »In die Friedrichstraße, bitte. Ans tote Ende, Mehringplatz.« – »Kenn’ ich!«, ruft der Fahrer. »Bin ich aufgewachsen.« Er tippt auf sein Taxameter, es piept, »3,20« leuchtet auf, als wäre das die Gebühr für die Geschichte, die er jetzt erzählen wird. Von seiner Kindheit in den Sechzigern, vom immer noch zerstörten Kreuzberg, vom Versteckspiel zwischen Resttrümmern. Und man kommt nicht umhin, sich einen Zehnjährigen vorzustellen, der schon damals eine speckige Taxifahrerlederjacke trug und HB rauchte. »Einmal«, sagt er, »haben wir auf einem Flachdach rumgetobt. Bis es halb eingestürzt ist. Die Feuerwehr musste kommen und uns da runter holen. Das gab vielleicht Ärger!« Er lacht und lenkt, vor uns huschen drei Spanier über eine rote Ampel und freuen sich wie immer, nicht überfahren worden zu sein. Berlin – ein Fest fürs Lebens? »Einmal haben wir in einer Ruine Knochen gefunden«, sagt der Taxifahrer. »Vielleicht noch aus dem Krieg. Vielleicht Mord. War aber auch egal.« Er lacht wieder. Wir haben nun Kreuzberg erreicht, Sozialbauten säumen die Straße. »Damals wollten die den ganzen Stadtteil abreißen. Die Pläne gab es schon. Die Stadtautobahn sollte hier durchführen.« Er malt einen groben Bogen in die Nacht, der ungefähr am Moritzplatz endet. Kreuzberg ohne Kreuzberg. Kaum vorstellbar. Was hätten die Spanier dann gemacht? Kippenberger? Rio Reiser? All die anderen? »Ich wohne hier nicht mehr«, sagt er Taxifahrer schließlich, als wir am toten Ende angelangt sind. »Ich vermisse es auch nicht. Hätten sie ruhig platt machen können.«