Weit genug entfernt vom Eingang
Vor dem Französischen Dom an einem Samstagnachmittag gegen 17 Uhr. Hier ist der Weltgeist besonders konsequent: Wer auf dem Weihnachtsmarkt Geld ausgeben will, muss erst einmal Geld ausgeben – der Eintritt ist kostenpflichtig. An allen vier Ecken des Platzes haben sich vor den Kassenhäuschen Schlangen gebildet, die, ungleich Adventskerzen, immer länger werden. Die Fenster in den Plastikplanen gewähren einen Blick ins Innere, auf Holzpyramiden, Duftöle und Tontassen mit Vornamen darauf. Den Wartenden auf der anderen Seite der Plane steht etwas ins Gesicht geschrieben, man kann es bloß so schwer entziffern. Haben Sie Angst, dass die Tontassen mit ihrem Vornamen schon ausverkauft sein könnten, wenn sie endlich soweit vorgedrungen sind? Oder vielmehr vor dem Schnapspanscher, der dieser Tage sein Unwesen treibt? Würden sie gern frieren und sind nun enttäuscht, dass es dafür noch nicht kalt genug ist? Haben sie sich das alles irgendwie anders vorgestellt? »Scheiß Berlin«, faucht da ein Mann, der offenbar nicht von hier ist. Er steht nicht mehr ganz am Ende der Schlange, aber immer noch weit genug entfernt vom Eingang, um diese Stadt zu verfluchen. Neben ihm verzieht seine Frau ihren Mund zu einem resignativen Strich. Wenn das die schönste Zeit des Jahres sein soll, was ist dann erst die hässlichste? »Scheiß Berlin«, faucht der Mann noch einmal, dann fragt er, den Kopf leicht zu seiner Frau gedreht, ohne sie anzuschauen: »Oder?« Was und ob die Frau antwortet, bleibt allerdings unklar. Denn in diesem Moment brüllt ein Ordner, verkleidet als Berliner Gendarm der vorletzten Jahrhundertwende, eine Anweisung. Man solle doch bitte eine gerade Schlange bilden. Es könne doch nicht so schwer sein.
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